Süddeutsche Zeitung, 02.07.2008, Nr. 152, S. 20
München - Der Punkt ist so klein, dass er auf der Landkarte kaum zu sehen ist - doch genau deshalb ist das Interesse daran so groß. „An dem Punkt hier sieht man, wie leicht die Energieprobleme in Deutschland gelöst werden könnten", sagt Peter Höppe, Meteorologe und Umweltmediziner: „Denn wenn man dieses Quadrat in der Sahara mit einem Solarkraftwerk bebauen würde, könnte man damit Deutschlands Strombedarf decken." Der Fleck ist in Wirklichkeit nur 45 mal 45 Kilometer groß, seine Fläche macht nur ein Bruchteil der Sahara aus, aber er demonstriert eindrucksvoll Höppes Botschaft: Der Klimawandel birgt zwar Risiken, aber auch neue Anreize, aus denen lukrative Lösungen entstehen können.
Höppe gilt weltweit als einer der versiertesten Experten, wenn es um Risiken, finanzielle Anreize und deren Preise geht. Er leitet die Georisikio-Forschung beim Versicherer Münchener Rück und lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität Biometeorologie. Seinen Vortrag in einer Veranstaltung der Cesifo Gruppe und der Süddeutschen Zeitung am ifo Institut eröffnet Höppe mit einer Schadensbilanz der bislang größten Umweltkatastrophen. Zwei Dinge fallen dabei auf: Es gibt immer häufiger Unwetter, und sie verursachen immer höhere Kosten. Den mit 16 Milliarden Euro teuersten Schaden in Deutschland verursachte das Elbe-Hochwasser im Jahr 2002 an. Die Rangliste der für die Volkswirtschaft weltweit teuersten Naturkatastrophen führt der Hurrikan Katrina an, der im August 2005 sechs Tage lang in den USA wütete und Schäden in Höhe von 125 Milliarden Dollar anrichtete. Diese Summe entspricht in etwa dem Wert aller Waren, die Länder wie Ägypten oder Neusee- land in einem Jahr produzieren. Gründe für die zunehmende Höhe und Häufigkeit der Schäden gibt es viele: Mit der wachsenden Weltbevölkerung nimmt auch die Besiedelung gefährdeter Landstriche zu. Zudem steigt der Lebensstandard und damit der Wert der Infrastruktur. So wohnten etwa im von Hurrikans bedrohten Florida am Anfang des vergangenen Jahrhunderts weniger als 100 000 Menschen. Heute sind es fast 20 Millionen, die zudem noch ihre teuren Yachten an den exponierten Küsten liegen haben. „Aber all das kann die Zunahme der Schäden allein nicht erklären", sagt Hoppe und verweist dann auf den Faktor, den immer mehr Studien als Auslöser für die zunehmenden Naturkatastrophen nennen: den Klimawandel.
Dass dieser Klimawandel durch den Ausstoß von Treibhausgasen ausgelöst wird, sei aus meteorologischen Analysen immer deutlicher zu erkennen, sagt Höppe. Somit stellten sich vor allem zwei Fragen: Wie sind verschiedene Branchen vom Klimawandel betroffen? Und wie schmerzhaft wird die notwendige Verminderung des CO2-Ausstoßes für die Wirtschaft? Als Musterbeispiel dafür, wie ein Wirtschaftssektor unter dem Klimawandel leiden, aber auch davon profitieren kann, nennt Höppe die Landwirtschaft. Steigende Kosten für Bewässerung und Pflanzenschutz, größere Schwankungen der Witterung und der Erträge sowie höhere zu erwartende Sturmschäden stehen neuen Absatzmöglichkeiten für Biokraftstoffe und höhere Ernteerträge in nördlichen Breiten entgegen. Ähnlich gehe es Eigentümern von energieeffizienten Wohnungen, weil deren Immobilien an Wert gewinnen, erläutert Höppe. Dagegen würden Grundstücke in Regionen, die von Stürmen, Trockenheit oder Überschwemmungen bedroht sind, an Wert verlieren. Die Bauindustrie könne mit zusätzlichen Aufträgen für Reparaturen rechnen. Im Winter müsse sie weniger häufig pausieren.
Auf Überraschung bei den Zuhörern stößt Höppes Prognose zu den Folgen des Klimawandels auf die deutsche Gesamtwirtschaft. Seine Rechnung basiert auf einer Studie des Bundesumweltministeriums zu den Auswirkungen des Meseberg-Pakets, in dem das Bundeskabinett vor zwei Wochen seine Klimapolitik festschrieb. Demnach reduziere Deutschland mithilfe von Einsparungen seine Energieimporte bis 2020 um 20 Milliarden Euro. Dank steigender Ausgaben für alternative Energien stiegen zudem die Investitionen um 30 Milliarden Euro pro Jahr, was mehr Wachstum und innerhalb von zwölf Jahren eine halbe Million Arbeitsplätze schaffe. „Das zeigt, dass Klimaschutz machbar und auch bezahlbar ist", sagt Höppe, und zeigt dann, wo damit begonnen werden könnte: auf einem kleinen Fleck irgendwo in der Sahara.
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