Süddeutsche Zeitung, 01.12.2011, S. 22
Münchner Seminare
München – Am Ende muss sogar Hans-Werner Sinn einräumen, dass so viel Optimismus gut tut in diesen Zeiten – und das aus dem Munde eines Ökonomen, der sonst meist das Schlimmste befürchtet, wenn es um die Zukunft der Euro-Zone geht.
Dabei ist István Székely eigentlich nicht der Typ, dem man naives Positivdenken unterstellen würde. Bei den „Münchner Seminaren“ von Ifo-Institut und Süddeutschen Zeitung bombardiert Székely die Zuhörer mit Zahlen und Kurven. Mitzuteilen hat er einiges, denn der Ungar ist im Finanzdirektorat der Europäischen Kommission unter anderem für das Programm zuständig, mit dem EU und Internationaler Währungsfonds (IWF) dem gestrauchelten Irland wieder auf die Beine helfen wollen.
Und wenn man Székely glaubt, den ein Wirtschaftsprofessor aus Dublin einmal als den „Prokonsul der EU in Irland“ bezeichnete, stehen die Chancen Irlands nicht schlecht, erhobenen Hauptes aus der Krise zu kommen. Ende 2010 bekam Irland als erstes europäisches Land Hilfskredite von EU und IWF, die an vorgeschriebene Reformen gebunden sind. Bislang liegt das Land gut im Plan, erst kürzlich genehmigten die Vertreter der Troika aus IWF, Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission nach ihrer vierteljährlichen Prüfmission die nächste Kredittranche. Das Staatsdefizit, das noch im vergangenen Jahr 32 Prozent des Bruttoinlandsproduktes betragen hatte, soll laut IWF-Prognose in diesem Jahr auf unter 11 Prozent sinken.
Tatsächlich zeigen viele der Kurven, die Székely zeigt, einen Knick in die richtige Richtung. Allerdings bleiben manche Experten skeptisch; der amerikanische Wirtschaftnobelpreisträger Paul Krugman etwa hat mehrfach darauf hingewiesen, dass der scheinbare irische Aufschwung zu einem nicht geringen Teil auf die Pharmaindustrie zurückgeht, die jedoch relativ wenig Arbeitsplätze und Einkommen im Inland produziere. Trotzdem scheint es Irland besser zu gehen, als viele noch vor einem Jahr erwartet hätten.
„Irland ist eine eigentlich wettbewerbsfähige Wirtschaft, die aus anderen Gründen in Schwierigkeiten geraten ist“, sagt Székely. Irland, das wirtschaftlich lange weit hinter anderen europäischen Ländern zurücklag, sei in den Boomjahren zu schnell gewachsen, und „alle Aufholjagden endeten in Tränen“, sagt Székely. Im irischen Fall war es das desaströse Defizit, das ins Tal der Tränen führte – abgesehen davon traut Székely dem Land große Leistungsfähigkeit zu.
Aber Griechenland? Hans-Werner Sinns Ansicht ist bekannt und hat sich nicht verändert: Das Land sollte die Euro-Zone verlassen, die Drachme wieder einführen und so wieder billiger und damit wettbewerbsfähig werden. Den Nutzen der Hilfspakete zweifelt er an. „Ist es nicht Zeit zu akzeptieren, dass Dinge, die unmöglich sind, nicht getan werden sollten?“, fragt Sinn. Doch erstens ist Székely nicht bereit, Griechenland aufzugeben, und Portugal oder Spanien schon erst recht nicht: „Im Zweifel für den Angeklagten“, sagt er – man muss es die angeschlagenen Länder wenigstens versuchen lassen.
Und zweitens glaubt er nicht, dass die Drachme allein Griechenland retten würde. „Die Gehälter sind doch nur ein Aspekt“, sagt er. Die Investitionen, die Griechenland so dringend braucht, scheitern seiner Ansicht nach nicht oder nicht nur an den Preisen. Da ist der Verwaltungsaufwand, die Gerichtsbarkeit, die Zuverlässigkeit der Behörden, die Infrastruktur, die Verbreitung von Korruption – all das, glaubt Székely, ist letztlich entscheidender für einen Unternehmer, der in einem Land investiert oder eben nicht. „Wenn man es nicht in der Euro-Zone schafft, dann schafft man es auch nicht außerhalb“, sagt er – die Inflation würde alles Wachstum auffressen. „Nein, nein, nein“, protestiert Hans-Werner Sinn an dieser Stelle: An den hohen Preisen in Griechenland sei der Euro schuld. Er kann sich mit seinem Fachkollegen nicht einig werden, trotz eilig an die Tafel gekritzelten Diagrammen.
Dabei ist doch alles ganz einfach. „Es beginnt mit dem psychologischen Prozess“, sagt Székely.„Man muss erkennen, dass man mehr für weniger arbeiten muss. Von da an ist es nur noch eine technische Frage.“
„Es beginnt mit dem psychologischen Prozess“, sagt Székely.
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