Straubinger Tagblatt, 01.02.2008
München. Von der Biomasse als "unerschöpflicher" und "unendlicher" Energiequelle schwärmen viele Politiker, doch unter den Fachleuten und Wissenschaftlern hat sich inzwischen eine herbe Ernüchterung eingestellt. Das wurde diese Woche auf einem Symposium des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und dem Bayerischen Handwerkskammertag in München deutlich. Insbesondere die Vorgabe der Regierung, im Zuge der Klimaziele den Anteil der Biokraftstoffe an Benzin und Diesel in Deutschland bis 20 Prozent im Jahr 2020 massiv zu erhöhen, wurde von den Experten regelrecht zerpflückt. "Da hat einer überhaupt nicht nachgedacht", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.
Nicht nur der Ökonom Sinn, auch der Ökologe Martin Faulstich, Leiter des Wissenschaftszentrums am Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe in Straubing und Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen, bezeichnete die geplante Anhebung des Bio-Kraftstoffanteils als "Irrweg".
Die gesamte Palette der Bio-Energien sollte systematisch daraufhin untersucht werden, welcher Weg bei den geringsten Kosten den höchsten Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgase bringe, sagte Faulstich. Die Biokraftstoffe erster Generation gehörten nicht dazu. Man müsse nicht gleich alle Biodiesel- und Bioethanol-Anlagen stilllegen, den Anteil dieser Energien aber zu vervielfachen, sei unverständlich, so Faulstich. Es gebe viele andere Verwertungsmöglichkeiten für Biomasse, die mehr Energieertrag pro Hektar und ein höheres Potenzial zur Reduzierung von Treibhausgasen böten.
Im ungünstigsten Fall laufe die Biosprit-Strategie der EU und Deutschlands darauf hinaus, dass die großen Verweigerer der Kyoto-Klimavereinbarungen, nämlich die USA und China, dadurch in den Genuss niedrigerer Ölpreise kämen, und dadurch umso mehr verbrauchten, legte Ifo-Präsident Sinn dar. Denn nicht EU-Kommission oder Bundesregierung, sondern die Potentaten erdölexportierender Länder "von Chavez bis Putin" hätten Einfluss auf die Erderwärmung. Wenn die EU weniger fossile Energieträger nachfrage, sei das Angebot weltweit höher und große Konsumenten wie China und die USA könnten sich zu günstigeren Bedingungen bedienen, was wiederum zu mehr Verbrauch führe.
Sinn hatte weitere K.O.-Argumente gegen die Anhebung der Beimischquote von Bio-Kraftstoffen im Treibstoff parat. Die Vorgaben der Bundesregierung erforderten, 52 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands für die Produktion nachwachsender Rohstoffe zu reservieren, rechnete Sinn vor. Selbst unter Einbeziehung der stillgelegten Flächen wären es immer noch 45 Prozent. Die Alternative, Biokraftstoff einzuführen, werfe neue Probleme auf. Wenn zum Anbau von Zuckerrohr Regenwald brandgerodet werde, müssten die Felder 323 Jahre Bioenergie produzieren, um den negativen Effekt der Brandrodung zu kompensieren.
Bayern setze auf einen "intelligenten Energiemix" unter Einbeziehung der Kernenergie, bei dem die Biomasse eine wichtige Rolle spiele, sagte Bayerns Wirtschaftsministerin Emilia Müller (CSU). Funktionierende Unternehmen sollten "nicht über den Haufen geworfen" werden. Landwirtschafts- und Ernährungsminister Josef Miller hielt Sinn entgegen, er habe bei seiner Rechnung nicht den steigenden Ölpreis und die kohlendioxidbindende Wirkung der Pflanzen berücksichtigt.
Einig waren sich Politiker und Wissenschaftler darin, dass die Energieproduktion auf landwirtschaftlichen Flächen nicht dazu führen dürfe, dass Deutschland zu einem Nahrungsmittel-Importeur wird. Das Land könnte sich zwar den Import locker leisten, doch dafür hätten andere dann nichts zu essen, sagte Sinn. Landwirtschaftsminister Miller gab die Parole aus: "Teller vor Tanken bei intaktem Öko-System".
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