Stuttgarter Nachrichten, 11. März 2006, Nr. 59, S. 13
Stuttgart – Kindergeld, Erziehungsgeld, Freibeträge, absetzbare Betreuungskosten und demnächst vielleicht Elterngeld – wenn’s um Familien geht, hat der Staat scheinbar immer öfter die Spendierhosen an. Stimmt nicht, sagt das Ifo-Institut. Familien werden gravierend benachteiligt.
VON SABINE MARQUARD
Wirft man einen Blick auf die nüchternen Zahlen, stehen Familien in Deutschland finanziell nicht so gut da wie kinderlose Paare. Ein Ehepaar mit nur einem Einkommen und zwei Kindern verfügt im Durchschnitt über ein monatliches Nettoeinkommen von 2321 Euro. Ein Ehepaar ohne Kinder, bei dem beide Vollzeit beschäftigt sind, kommtdagegen auf ein gemeinsames monatliches Nettoeinkommen von 2974 Euro.
Deutlicher zeigen sich die Unterschiede, vergleicht man das Pro-Kopf-Einkommen in beiden Fällen, sagt Bernd Eggen, der beim Statistischen Landesamt für Familienforschung zuständig ist. Das Ehepaar mit zwei Kindern hat statistisch gesehen pro Kopf 793 Euro zum Leben, das kinderlose Ehepaar pro Kopf 1749 Euro. Je jünger die Kinder, desto niedriger das Familiennettoeinkommen. „Gerade in der Lebensphase, in der Familien gegründet werden, ist das Einkommensgefälle zwischen kinderlosen Paaren und Paaren mit Kindern mit amsteilsten“, sagt Eggen. Die Wirtschaftsforscher des Ifo-Instituts haben im Auftrag der Bosch-Stiftung genauer nachgerechnet und Kosten und Nutzen von Kindern für den Staat ermittelt. Demnach finanziert der Staat zwar eine Reihe von familienpolitischen Leistungen, „unter dem Strich aber benachteiligt das deutsche Steuer- und Sozialsystem die Familien“, sagt Martin Werding, einer der beiden Autoren der Ifo-Studie. Der Gewinn, den der Staat bei jedem Neugeborenen über die gesamte Lebenszeit macht, liegt bei rund 77 000 Euro. Oder anders ausgedrückt: „Der Staat belegt das Erziehen eines Kindes mit einer Extrasteuer von 77 000 Euro, das ist ein ganz massiver Eingriff“, sagt Werding.
Hauptursache für diese Verzerrung sind nach den Berechnungen des Ifo-Instituts die umlagefinanzierten Sozialversicherungssysteme, an erster Stelle die gesetzliche Rentenversicherung. Für ihr Funktionieren sind die Systeme darauf angewiesen, dass stets eine ausreichend große, gut ausgebildete Generation zukünftiger Beitragszahler heranwächst. Die Kosten für die Erziehung und Bildung tragen im wesentlichen die Eltern. Zwar beteiligt sich die Gesellschaft. Das macht aber nur einen kleinen Teil dessen aus, was sie später an Nutzen aus diesen Kindern zieht, wenn diese als Beitragszahler Vor allem die Sozialkassen profitieren von Familienetwa die Renten finanzieren. Insofern trifft der Satz zu, heißt es in der Studie, dass die Kosten der Kinder privatisiert werden, ihr späterer Nutzen dagegen sozialisiert wird.
Berufliche Auszeiten für Kindererziehung führen obendrein dazu, dass Eltern sich bei ihrer eigenen Rente schlechter stellen. Denn die spätere Altersversorgung aus den Sozialkassen richtet sich nach dem Erwerbseinkommen im Laufe eines Berufslebens. Die Folge: Wer Kinder erzieht und dafür befristet oder ganz aus dem Erwerbsleben aussteigt, hat nicht nur weniger Einkommen, sondern später auch weniger Rente. Zwar werden Eltern für die Kindererziehung auch Rentenansprüche gutgeschrieben. Doch das ist nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Um wirklich eine eigenständige Rente von 1500 Euro auf Grund von Kindererziehung zu erhalten, müsste eine Frau rein rechnerisch 19 Kinder bekommen, hat der Arbeitskreis von Finanzfachfrauen einmal ausgerechnet. Das staatliche Rentensystem erzeugt nach Ansicht der Münchner Wissenschaftler obendrein die Illusion, das eigene Alter sei dank der kollektiven Sicherungssysteme auch ohne eigene Kinder gesichert. „Damit trägt es zu den geringen Geburtenzahlen bei“, sagt Werding.
Bei der gesetzlichen Krankenversicherung sieht es nicht viel anders aus. Dass Kinder beitragsfrei in den Krankenkassen mitversichert sind, werde gemeinhin als Begünstigung von Familien wahrgenommen, als familienpolitsche Umverteilung von Kinderlosen zu Versicherten mitKindern. Doch auch das sei eine „optische Täuschung“. Diese Leistungen an Kinder fallen im Durchschnitt eher gering aus. Sobald die Kinder anfangen später Beiträge zu zahlen, „haben sie diesen ,Kredit‘ ganz schnell abgetragen“, sagt Werding, „und dann werden sie zu Nettozahlern“. Denn gegen Ende des Arbeitslebens und nach Eintritt in den Ruhestand steigen in der Regel die Leistungen, die Krankenversicherte beanspruchen, stark an. „In Deutschland geht es nicht sosehr den Familien zu schlecht, sondern den Kinderlosen zu gut“, zieht Werding den Schluss. Aber das werde so nicht wahrgenommen, sagt er.
Sollten Kinder nicht Privatsache sein? „Ja“, sagt Werding. Gerade dies sei aber nicht der Fall, denn der Staat halte sich aus dieser Frage nicht heraus. Dabei fällt ihm durch die Erziehung von Kindern ein finanzieller Vorteil von 77 000 Euro zu. Letzten Endes verteile der Staat das Geld um – von der jüngeren zur mittleren und älteren Generation, von Familien zu Kinderlosen.
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