Produktion, 03.07.2008, Nr. 27/2008, S. 8
MÜNCHEN. Der Einsatz von Bio-Sprit zur Verringerung von CO2-Emissionen ist eine teures Unterfangen. Noch höhere Kosten bei diesem Vorhaben verursacht nur die Photovoltaik, sagt der Ifo-Präsident Professor Hans-Werner Sinn. Am günstigsten ist einer Studie der Universität Stuttgart zufolge der Einsatz von Kernenergie.
Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Reinhard Bütikofer, hat erneut eine aktivere Rolle der deutschen Automobilindustrie beim Klimaschutz gefordert. Seiner Meinung nach hätten die Manager der Branche ihre abwartende Einstellung beibehalten. Energie-Effizienz werde jedoch wichtiger: In China und Indien würden nicht die Fahrzeuge benötigt, die zum Beispiel für Kalifornien produziert werden, sagte Bütikofer auf der ifo-Jahresversammlung am vorvergangenen Dienstag in München. Deshalb „muss man die Automobilbranche zum Glück zwingen". Derzeit seien die USA dabei, uns möglicherweise etwas vorzumachen.
Der Präsident des ifo-Instituts, Professor Hans-Werner Sinn, stellte vor allem die massenhafte Produktion von Biosprit an den Pranger. Diese eigne sich nicht zur Reduktion von CO2-Emissionen. Denn wie Tad W. Patzek von der Unversity of California herausgefunden hat, verursacht beispielsweise die Bioethanol-Produktion aus Mais in den USA durch Anbau und Verarbeitung höhere C02- Emissionen als fossiles Benzin.
Ferner würde man nach Untersuchungen der Internationalen Energieagentur sämtliche Ackerflächen der Welt benötigen, um genug Bio-Sprit für den weltweiten Verkehr herzustellen; das entspricht 20% des Primärenergieverbrauchs.
Allein in Deutschland wären rund 30 der Ackerfläche nötig, um 10 des Kraftstoffes durch Bio-Sprit zu ersetzen, sagte Sinn. Vom Ackerbau auf dieser Fläche könnten rund 11 Mio Menschen ernährt werden.
Vor allem sei es teuer, mit Biokraftstoffen den Ausstoß von CO2 zu minimieren, sagte der ifo-Chef mit Verweis auf eine Untersuchung von Ulrich Fahl von der Universität Stuttgart. Demnach kostet es über die gesamte Nutzungsdauer des Energieträgers hinweg zwischen 215 und 585 Euro, eine Tonne CO2 einzusparen. Noch teurer sei es, wenn man Photovoltaik verwendet (420 bis 585 Euro).
Am niedrigsten sind die spezifischen CO2-Minderungskosten der Studie zu Folge, wenn man auf Kernenergie (-5 bis 7 Euro), Erdgaskraftwerke mit nachgeschaltetem Dampfturbinenprozess (21 bis 34 Euro), Solarwärme (29 bis 75 Euro) und Windenergie (37 bis 91 Euro) setzt.
Im Mittelfeld bei den C02-Minderungskosten liegen demnach effizientere Diesel-Pkw (52 bis 254 Euro), Wärmedämmung in Einfamilienhäusern (-113 bis 326 Euro), effizientere Benzin-Pkw (102 bis 415 Euro) und Erdwärme (190 bis 540 Euro).
Generell bemängelte Sinn, dass in der deutschen Klimadebatte nur die Nachfrage nach Öl in einzelnen Ländern betrachtet werde. Die Ölscheichs würden sich davon jedoch nicht beeinflussen lassen, sondern die selbe Menge Rohöl auf den weltweiten Märkten anbieten. Die Subventionen zum Beispiel von Bio-Sprit in Deutschland würden dann nur dazu führen, dass die bisherige Rohölmenge zu einem niedrigeren Preis zu haben sei.
Die Folge wäre nach den Untersuchungen von Sinn eine verstärkte Rohöl-Nachfrage von den Ländern, die nicht das Kioto-Protokoll unterschrieben haben: China, die USA, Indien und Australien würden von dem niedrigeren Weltmarktpreis profitieren und den globalen Kohlendioxidausstoß steigern. So sind die Emissionen nach der Unterzeichnung des Kioto-Protokolls im Jahr 1997 nicht gesunken: Der weltweite Kohlendioxid-Ausstoß stieg sogar von 22,3 Gigatonnen im Jahr 1997 auf 27 Gigatonnen im Jahr 2005 an.
Deshalb forderte Sinn die Politik auf, mit dem Kioto-Prozess fortzufahren. Der ifo-Präsident bezeichnete das internationale Abkommen als Meilenstein. Nun müsste die Politik die anderen Länder, die noch nicht an dem Kioto-Prozess teilnehmen, mit hereinnehmen.
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