Neue Ruhr/Rhein Zeitung, 30.05.2007
DÜSSELDORF. Die Debatte über eine neue Schulstruktur in NRW lässt sich nicht abschalten. Zwar zeigt die schwarz-gelbe Landesregierung wenig Neigung, die von zwei Münsterland-Kommunen geplante Gemeinschaftsschule zu genehmigen - die Diskussion aber kann sie nicht aufhalten. Das Modell, alle Kinder über Klasse 4 hinaus zusammen zu unterrichten und sie erst später auf weiterführende Schulen zu verteilen, findet immer mehr Anhänger, nicht zuletzt im bürgerlich-konservativen Milieu.
Zu jenen, die beim Kongress des NRW-DGB ("Eine Schule für alle") die Abkehr vom gegliederten System befürworteten, gehören die Katholischen Eltern Deutschlands (KED). "Es ist mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar, Kinder im Alter von neun Jahren auf einen Bildungsgang festzulegen", sagte Landesvorsitzende Barbara Balbach. So wenig möglich es für Lehrer sei, derart früh Begabungen und Entwicklungen verlässlich zu prognostizieren, so unseriös sei es, von "begabungsgerechten Schulformen" zu sprechen. Für Balbach ist das Problem der sozialen Benachteiligung eine Systemfrage. Es lasse sich auch nicht lösen, indem man Hauptschulen an Brennpunkten zu Ganztagsschulen ausbaue.
Eine neue Studie des ifo-Instituts (München) belegt, dass spätere schulische Selektion die Chancengleichheit erhöht. "Je früher ein System die Kinder aufteilt, umso stärker hängt ihr Bildungserfolg vom familiären Hintergrund ab", so Prof. Ludger Wößmann. In Brandenburg und Berlin, wo Schüler bis Klasse 6 gemeinsam lernen, seien die Chancen für Kinder aus sozial schwachen Schichten gestiegen, ohne dass das Leistungsniveau leide. Außerdem belegten die ifo-Daten, dass mehr Schultypen mehr Chancenungleichheit produzieren. "Wer einmal mit dem Sortieren der Schüler anfängt, kann damit nicht mehr aufhören", so Marianne Demmer für die Lehrergewerkschaft GEW.
Für Prof. Gabriele Bellenberg (Uni Bochum) ist die von der Landesregierung verkündete Durchlässigkeit, die Kindern den Aufstieg zu einer höheren Schulform erleichtern soll, ein "Mythos". "Welcher Lehrer gibt seine guten Schüler schon gern ab?" fragte sie. In Gesprächen mit Schulministerin Barbara Sommer (CDU) wollen Lehrerverbände zumindest erreichen, dass die Zahl der Sitzenbleiber halbiert werde. Laut Pisa-Studie haben 40 % der 15-Jährigen bereits einen schulischen Misserfolg erlebt.
Der DGB will für sein Ziel des gemeinsamen Lernens bis Klasse 9 verstärkt werben. "Wir haben ein zutiefst ungerechtes Schulsystem", so Landeschef Guntram Schneider, "weil Kinder aus Arbeitnehmerfamilien benachteiligt werden." Wenn bis zu 30 % von ihnen nicht das Abitur erreichten, obwohl sie dazu fähig wären, sei dies eine "Vergeudung von Potenzial", das sich ein Industrieland wie NRW nicht leisten könne. Schneider forderte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) auf, mit dem Schlagwort "Einheitsschule" nicht weiter Ängste in der Bevölkerung zu schüren. (NRZ)
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