Münchner Merkur, 23.10.2008, Nr. 247, S. 8
München - Passend zur Nieselregen-Herbst-Stimmung präsentierten gestern der Ifo-Chef, Hans-Werner Sinn, und der IHK-Chef für München und Oberbayern, Peter Driessen, ein recht düsteres Szenario zum Thema „Die wirtschaftliche Lage in Deutschland und Europa - im Schatten der Krise". Im Stakkato-Stil diktierte Sinn den anwesenden Journalisten am Rande des Ifo-Branchendialogs in München die Vorhersagen des Wirtschaftsforschungsinstituts und seine persönlichen Eindrücke: „Die Konjunktur ist im Keller." „Der Ifo-Index stürzt seit einem halben Jahr regelrecht ein." „Ich habe den Untergang des Kapitalismus befürchtet." „Wir sind einer Revolution nur knapp entgangen." Kernige Sätze, die den Verlauf der vergangenen Krisen-Wochen widerspiegelten. Zwar sei dank weltweiter staatlicher Rettungspakete mit einem Gesamtvolumen von 2,4 Billionen Euro eine „Kernschmelze des Finanzwesens" und der Zusammenbruch weiterer Banken abgewendet. Nicht überwunden sei aber das Problem der Wirtschaftskrise. „Für das kommende Jahr kann man sicherlich noch keinerlei Entwarnung im konjunkturellen Geschehen ankündigen." Westeuropa stecke bereits in einer Rezession, Deutschland stehe am Rande einer solchen.
Ein nüchternes Urteil fällte auch der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, Peter Driessen. Es sei keine Frage, ob eine Konjunkturdelle bevorstehe, es sei sicher, dass die Wirtschaft in ein konjunkturelles Tal abgleite, „das in seiner Tiefe und Breite noch vollkommen offen ist", betonte Driessen.
Die ersten handfesten Anzeichen spüre die Automobilbranche und deren Zuliefer-Firmen. Zwar seien die Auftragsbücher noch gut gefüllt, aber „das Nachorder-Geschäft ist komplett weggebrochen", sagte der IHK-Chef. Insgesamt hätten sich die Erwartungen bayerischer Unternehmer in den vergangenen vier Wochen „dramatisch verschlechtert". Und es sei klar, dass diese Entwicklung auch zu einem Abbau von Arbeitsplätzen rühren werde.
Im kommenden Jahr werde das dem Ifo-Chef zufolge kaum zu Buche schlagen, aber ab 2010 sieht er die Arbeitslosenquote wieder im Auftrieb. Über den Umfang eines möglichen Anstiegs der Arbeitslosenzahlen wollte sich Sinn nicht näher äußern - schließlich könne man auch nicht vorhersagen, wie in einem Monat das Wetter sei.
Sehr viel präziser formulierte Sinn seine Kritik an den Vorgaben der staatlichen Hilfen im Zuge der Banken- und Finanzkrise. Da die Bank-Manager bei Zugriff auf das Rettungspaket der Bundesregierung mit der Kürzung ihrer Gehälter „bestraft" würden, dürften sich viele von ihnen sträuben zuzugreifen. Dies sei ein „Konstruktionsfehler", der letztlich auch zu der befürchteten Kreditklemme beitragen könnte, die aber bisher noch nicht feststellbar gewesen sei. Er glaube nicht an „die Theorie der freiwilligen Bestrafung" und widersprach damit „massiv" dem IHK-Chef Driessen, der „partiell noch an das Gute im Menschen" glaube und darauf hoffe, dass sich die Bank-Manager auf „Sitte und Anstand des ehrbaren Kaufmanns" besinnen.
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