Leibniz, 17.10.2007, Nr. 3/2007, S. 18-19
Der Schriftsteller Thomas Mann beschrieb 1919 in der Novelle „Herr und Hund“ die Gegend um seine Münchner Villa in der Poschingerstraße 1 so: „Das ist kein Wald und kein Park, das ist ein Zaubergarten, nicht mehr und nicht weniger.“ Am Herzogpark im noblen Stadtteil Bogenhausen wohnten damals viele bekannte Schriftsteller, Musiker und Wissenschaftler. In nächster Nachbarschaft der im Krieg zerstörten und erst kürzlich wieder aufgebauten Thomas-Mann-Villa, in der Poschingerstraße 5, befindet sich seit 1952 das ifo Institut für Wirtschaftsforschung. Auch dessen Haupthaus gehörte einmal einem heute allerdings vergessenen Literaten: dem vermögenden Verleger Alfred Walter Heymel (1878-1914), genannt „Prinz Kuckuck“.
Das stattliche Gebäude trägt heute den Namen „David Bradford Haus“. Der 2005 verstorbene Ökonom war dem Institut als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats eng verbunden. In den 1970er Jahren wurde im Garten hinter dem Haupthaus ein Neubau errichtet mit Bibliothek, Archiv und Cafeteria. Und die Nachbarvilla, in der einmal der Dirigent Bruno Walter gewohnt hatte, gehört jetzt ebenfalls zum Gebäudekomplex, der das Institut beherbergt. Dass in der Poschingerstraße 5 mittlerweile die politikorientierte Wirtschaftsforschung eine lange Tradition hat, zeigt sich auch am großen Konferenzraum im Erdgeschoss: Er heißt „Ludwig-Erhard-Saal“, benannt nach dem Wirtschaftsminister der Adenauer-Ära und Begründer der Sozialen Marktwirtschaft. Erhard, der als „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ gilt, war auch einer der Gründungsväter des ifo Instituts.
Doch ebenso wie die deutsche Wirtschaft im Laufe der Jahre von Krisen nicht verschont blieb, erging es deren Beobachtern in München. Nachdem seine Forschungsleistungen in der turnusmäßigen Evaluierung 1996 als unzureichend kritisiert worden waren, wurde das Forschungsinstitut im Jahr 2000 zu einer „forschungsbasierten Serviceeinrichtung“ umgestuft und musste eine drastische Kürzung der staatlichen Förderung hinnehmen. Ein deutlicher „Schuss vor den Bug“, der laut Vorstandsmitglied Meinhard Knoche in einer Art Initialzündung dafür sorgte, dass im Haus alles auf den Kopf gestellt und umgekrempelt wurde.
Verbunden ist der grundlegende Umbau mit der Berufung Prof. Hans-Werner Sinns als Präsident im Jahr 1999. Unter seiner Leitung wurde das Institut völlig umstrukturiert und inhaltlich neu ausgerichtet. Teile des Instituts wurden abgewickelt, neue Schwerpunkte geschaffen. Vor allem wurde die Kooperation mit den Universitäten mit Leben gefüllt. Dass das ifo Institut bereits bei der nächsten Evaluierung 2006 glänzend abschnitt, ist dieser Neuausrichtung zu verdanken. Der Erfolg ist nach den Krisenjahren wesentlich schneller eingetreten, als man ursprünglich erwartet hatte. Daher rechnen die Münchner fest mit einer baldigen Rückkehr in die Riege der Forschungsinstitute.
Zwei Dinge haben besonders zum Erfolg beigetragen: einmal der enge Schulterschluss mit der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). CESifo nennt sich der Forschungsverbund, der dabei entstanden und auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften in Europa bisher einmalig ist. In der CESifo Group arbeiten das ifo Institut, das Center of Economic Studies (CES) der LMU und die von ifo und der LMU gegründete Tochtergesellschaft CESifo GmbH eng zusammen. Zum andern ist es die starke internationale Ausrichtung, die das Institut unter Sinns Präsidentschaft erfahren hat. „Wir melden uns zwar national zu Wort, aber dies geschieht heute mehr und mehr aus internationaler Perspektive“, erklärt Meinhard Knoche.
Für den Wissensaustausch besonders wichtig sind die Forschungsdirektoren und Forschungsprofessoren, die am ifo Institut tätig sind. Dabei handelt es sich um externe Wissenschaftler, die die Arbeit der Bereiche des ifo Instituts wissenschaftlich begleiten und in Projekten mit ifo-Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Als besonders wichtig schätzt das Institut die gemeinsame Berufung von Professoren ein, die als Bereichsleiter im ifo Institut tätig sind: Neben dem Präsidenten haben vier Bereichsleiter zugleich Professorenstellen an der Universität inne. Es gibt nicht nur eine enge Bindung an die LMU, sondern auch Kooperationen mit anderen Universitäten wie Augsburg, Dresden (TU), Leipzig, Münster, Nürnberg-Erlangen, Passau und Regensburg. Ende 2006 bestanden 16 Kooperationsabkommen.
Ebenso wie über das gute Abschneiden bei der letzten Evaluierung freut man sich im Institut über das Ergebnis einer neuen Studie, die der Wirtschaftswissenschaftler Martin Steininger von der TU München jüngst veröffentlichte. „Forschungsleistung der Institute: ifo hat die Nase deutlich vorn“, heißt es darüber in einem Bericht des Handelsblatts vom 9. Juli 2007. Das Münchner Institut sei die derzeit forschungsstärkste ökonomische Denkfabrik in Deutschland. Mehr als jeder vierte Artikel, der 2006 von deutschen Forschungsinstituten in internationalen Journals publiziert wurde, stammt von ifo-Mitarbeitern, stellte Steininger fest.
Damit dies so bleibt, setzt man im Haus auch intensiv auf Nachwuchsförderung. Momentan gibt es 28 Doktoranden – bei insgesamt nur 160 Mitarbeitern eine beachtliche Anzahl. Wer ins ifo-Doktorandenprogramm aufgenommen werden will, muss einen Abschluss an einer renommierten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät mit Eins vor dem Komma vorweisen können. Und er sollte bereit sein, außerordentliches Engagement zu zeigen. Um die Elite anzulocken, weiß man auch die Attraktivität des Standorts zu nutzen: München ist eine Stadt mit hohem Freizeitwert, die Berge sind nahe. Deshalb organisiert Meinhard Knoche persönlich für die Nachwuchsökonomen Ski-, Mountainbike oder Klettertouren. Auch in anderen Bereichen als in der Forschung an die Grenzen zu gehen, könne den jungen Leuten nicht schaden, findet der begeisterte Sportler.
Wie viele Leibniz-Institute hat auch das ifo Institut eine starke Anwenderorientierung. Neben der praxisorientierten Forschung zählt die Politikberatung traditionell zu seinen Kernaufgaben. In den acht Forschungsbereichen Konjunktur und Finanzmärkte, Öffentlicher Sektor, Sozialpolitik und Arbeitsmärkte, Humankapital und Innovation, Branchenforschung, Umwelt, Regionen und Verkehr, Internationaler Institutionenvergleich und Unternehmensbefragungen geht es um Themen, die auch in der Politikberatung relevant sind. Um die wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern und die EU-Osterweiterung vor Ort zu begleiten, wurde 1993 eine Niederlassung in Dresden gegründet. Diese wird vom Freistaat Sachsen institutionell gefördert. Drittes Standbein neben der politikorientierten Wirtschaftsforschung und der Politikberatung ist die Information der Öffentlichkeit über die nationale und internationale wirtschaftliche Lage und Entwicklung. Für das wohl bekannteste Serviceprodukt, den monatlichen ifo Geschäftsklimaindex, werden über 7.000 Unternehmensmeldungen ausgewertet. Er gilt als Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland.
Ein weiteres wichtiges Serviceangebot ist die Internet-Datenbank DICE (Database of Institutional Comparisons in Europe). Sie liefert systematisch geordnete Informationen zu Institutionen und Regulierungen des wirtschaftlichen Lebens in den EU-Mitgliedsländern und ausgewählten Industriestaaten wie den USA und Japan. Es gibt eine große Nachfrage nach solchen international vergleichenden Daten, die es den einzelnen Ländern ermöglichen, ihre eigene Situation im welt - weiten Konkurrenzkampf einzuschätzen und nötige Reformen vorzubereiten. Das ifo Institut baut den internationalen Institutionenvergleich, soweit möglich, in sämtliche Forschungsarbeiten ein. Die Datenbank wurde im letzten Evaluierungsbericht lobend hervorgehoben als „Musterbeispiel für eine gelungene Verknüpfung von Forschung und Service“. Für die Münchner Wissenschaftler eine Ermutigung, den eingeschlagenen Kurs auch in Zukunft weiter zu verfolgen.
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: