Kölner Stadt-Anzeiger, 19.10.2010, S. 9
Von Thomas Magenheim
München. Die drohende Übernahme des Essener Bauriesen Hochtief ist kein Sonderfall, sondern möglicher Höhepunkt eines jahrelangen Verfalls der heimischen Baubranche. Für diese These nennt das Forschungsinstitut Ifo drei Gründe. Diese sind ein bis 2005 zehn Jahre anhaltendes Dauertief der inländischen Baunachfrage, diverse Managementfehler und mangelnder Schutz vor einem Ausverkauf ins Ausland. "Deutsche Aktiengesellschaften haben bis heute keine Möglichkeit, feindliche Übernahmen abzuwehren", rügen die Ifo-Forscher Erich Gluch und der Berliner Wirtschaftsprofessor Sammy Ziouziou. Die Gesetze seien zu lax. So gebe es in der Schweiz eine Erwerbsbegrenzung bei 254 Unternehmen. Auch in Großbritannien oder Spanien sind die Regeln bei Firmenübernahmen strenger. Die deutsche Politik sehe das Problem dagegen weiter gelassen.
Die Bundesregierung will weiterhin nicht in die Übernahme Hochtiefs durch den spanischen Konkurrenten ACS eingreifen. Der Aufkauf eines privaten Unternehmens sei in Deutschland eindeutig rechtlich geregelt, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Bundesregierung glaubt nicht, dass an dem Verhalten der spanischen Seite, ACS gegenüber Hochtief, rechtlich nach diesen Regeln irgendetwas auszusetzen sei", erklärte er. Eine Änderung des Übernahmegesetzes bezeichnete Seibert als unwahrscheinlich. Gleichwohl habe die Bundesregierung im Lichte des aktuellen Vorgangs eine Prüfung des Übernahmegesetzes veranlasst, sagte Seibert. Eine erste Prüfung habe ergeben, dass Änderungen "nicht sinnvoll" seien.
Das Ifo entwirft eine düstere Bilanz für die einstigen Größen der deutschen Baubranche. Von den Top Ten des Jahres 1990 seien nur noch zwei Namen übrig - Hochtief und Bilfinger Berger. Die anderen Bauriesen seien pleitegegangen oder mittlerweile in ausländischen Händen. Namen wie Philipp Holzmann, Dywidag oder Walter Bau sind nur noch Geschichte. Auslöser für die Talfahrt sei ein Absacken der Bauinvestitionen in den zehn Jahren bis 2005 um ein Viertel auf unter 200 Milliarden Euro gewesen. Verschärfend habe sich mancher Baumanager auf den Märkten verschätzt, einseitig auf Preisschlachten gesetzt oder sich bei vermeintlich lukrativen Auslandsgeschäften verkalkuliert, bilanziert die Ifo-Studie.
Die deutsche Baubranche sei heute praktisch nur noch von Mittelständlern und kleinen Firmen besetzt, betont Ifo. Der Umstand, dass es 2009 mit knapp 74 000 deutschen Baufirmen sogar mehr als vor 20 Jahren mit knapp 72 000 Unternehmen gibt, sei trügerisch. Die Zahl größerer Baufirmen mit über 500 Beschäftigten sei dramatisch von 180 auf 25 Konzerne geschrumpft. Damit einher ging eine Halbierung der Beschäftigung am Bau von 1,4 Millionen auf heute noch rund 700 000 Menschen.
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