Kölnische Rundschau, 22.03.2007
Das deutsche Bildungssystem ist kein Fall für Amnesty International. Zumindest insoweit kann man Entwarnung geben. Der Menschenrechtsinspektor der Vereinten Nationen, Vernor Muñoz, hat mit seiner Generalkritik dennoch einen Streit entfacht, der kaum heftiger ausfallen könnte. Das gegliederte System benachteilige ausländische, behinderte und sozial schwache Schüler, urteilt er. Es sei in gewissem Sinne von Natur aus ausschließend und selektiv. Das ist erst mal ein Wort.
Im Mittelpunkt von Muñoz Kritik steht die frühe Auffächerung in drei Schultypen nach dem vierten Schuljahr. Dies verstärke die Ungleichheit der Chancen, statt sie zu minimieren. Das gleiche Ergebnis hat auch das Münchner Ifo-Institut in dieser Woche präsentiert. Die Bildungsschere ließe sich demnach „durch eine spätere Auffächerung und eine geringere Anzahl an Schultypen“ schließen, bilanzierte Forschungsleiter Ludger Wößmann.
Ist die Hauptschule also tot? Wieder mal? Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht zumindest das „Tabu Schulstrukturfrage“ zertrümmert. Dabei muss gar nicht ein Herr Muñoz durch Deutschland reisen, um das dreigliedrige Schulsystem in Frage zu stellen. Das tut es von ganz alleine.
In manchen Regionen im Osten etwa sind die drei Säulen deutscher Schulpolitik längst gefallen, weil schlicht die Schüler fehlen. Und die herkömmliche Hauptschule ab dem 5. Schuljahr ist in vielen Ländern auf dem Rückzug. So differenzieren verschiedene Schultypen erst ab der sechsten Klasse zwischen Real- und Hauptschulzweig: In Rheinland-Pfalz sind es Regionale Schulen im ländlichen Raum, das Saarland hat die Erweiterte Realschule, in Sachsen ist es die Mittelschule, in Thüringen die Regelschule.
Schleswig Holstein geht einen Schritt weiter. Dort ist eine Gemeinschaftsschule für die Klassen 5 bis 10 vorgesehen. Gemeinsames Lernen heißt aber nicht gleicher Abschluss: Die Schüler im Norden können in der neuen Schulform ins Abitur starten, oder aber den Haupt- und Realschulabschluss ablegen. Daneben bleibt das Gymnasium erhalten, es führt künftig schon nach acht statt neun Jahren zum Abschluss. Die Regionalschule verbindet wiederum wie in anderen Ländern die Stränge Haupt- und Realschule in der fünften und sechsten Klasse.
Ist die spätere Festlegung nach sechs Jahren Schule der richtige Weg? Ifo-Forscher Wößner führt als Beleg dafür Daten aus Pisa-Tests an - und hebt Berlin und Brandenburg hervor. Dort wechseln Schüler erst nach sechs Jahren auf eine weiterführende Schule. Gleichzeitig gebe es eine geringere Abhängigkeit zwischen der Leistung der Schüler und ihrem familiären Hintergrund. Nur beflügelt dies die Schüler noch nicht zu herausragenden Leistungen: Im Pisa-Vergleich der Bundesländer belegen Berlin und Brandenburg hintere Plätze, weit unter dem Durchschnitt.
Im Düsseldorfer Schulministerium heißt es: „Die Strukturdebatte ist für uns kein Thema.“ Vielmehr setze man durch den Ausbau von 50 000 Ganztagsplätzen bis 2012 auf eine Stärkung der Hauptschule. 40 Millionen Euro kostet diese Offensive - die die These von Ministern Barbara Sommer stärken soll: „Hauptschule ist keine Restschule.“ Überdies wehrt sich die Ministerin gegen Muñoz Kritik: „Der Vorwurf, es gebe eine ausgeprägte Auslesementalität trifft nicht zu.“
Während Sommer die Hauptschule in jetziger Form bewahren will, ist Hamburg dabei, sie zu vergemeinschaften: Die CDU will ein zweigliedriges Schulsystem aus Stadtteilschulen und Gymnasien einführen. Spätestens im August 2009 soll die Hauptschule Geschichte sein. Der SPD reicht das nicht, sie setzt auf eine Einheitsschule, in der alle Schulformen aufgehen.
Anschauungsunterricht für dieses Modell können Bildungspolitiker künftig einige Kilometer weiter nord-östlich finden: Auf der Insel Fehmarn werden in Ermangelung von Kinderscharen ab Sommer alle in einer Schule büffeln: Gymnasiasten, Haupt-, Real- und Förderschüler. Zur Vorbereitung des neuen Typus haben sich Pädagogen extra in den Pisa-Vorzeigestaat Finnland aufgemacht. Einen hübschen Namen gibt es für die deutsche Insellösung auch schon: die Inselschule.
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