Immobilien Zeitung, 27.04.2006, Nr. 10, S. 6
Der Wirtschaftsforscher Erich Gluch vom Münchner Ifo Institut rechnet für die kommenden Jahre mit einer positiven Entwicklung im deutschen Wirtschaftsbau. Im Wohnungssektor werden sich die Bauaktivitäten immer stärker in Richtung Bestandsmaßnahmen verschieben.
Schon im vergangenen Jahr habe es bei den Auftragseingängen im Gewerbebau nach einer fast zehn Jahre andauernden Schrumpfungsphase erstmals wieder ein kleines Plus (2,1%) gegeben. Im Jahr 2015 soll das gewerbliche Bauvolumen um rund 12% über dem Wert von 2005 liegen und eine Summe von knapp 72,5 Mrd. EUR erreichen.
Als Indiz für eine Verbesserung der Lage im Gewerbebau nimmt Gluch die „spürbare Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung". Umstrukturierungen in der Industrie zögen einerseits Rationalisierungen, andererseits aber auch Um- und Neubaubedarf nach sich. Wenn die Industrie wieder gute Gewinne erwirtschafte, profitiere davon auch der Dienstleistungssektor. Beides werde die Bauinvestitionen wieder in Schwung bringen.
Für zusätzliche Baunachfrage soll der anhaltende Wandel in der Einzelhandelslandschaft sorgen, die weiterhin von Verkaufsflächenwachstum, Konzentrationstendenzen und rückläufiger Flächennutzungsdauer gekennzeichnet sei. Als weiteren Wachstumsbereich sieht Gluch trotz der aktuellen Überkapazitäten den Bereich der Hotels und Boardinghäuser an. Hier werde die Nachfrage vom Geschäfts-, Konferenz- und Städtereiseverkehr gespeist.
Als neue Bauherren treten in der Ifo-Prognose künftig die großen Flughäfen in Erscheinung. Gluch: „Da die Fluggesellschaften auf Grund des wachsenden Anteils von Billigfliegern geringere Einnahmen aus den Start- und Landegebühren erhalten, versuchen sie verstärkt, Einnahmen aus anderen Quellen zu akquirieren. Zunehmend fließen daher Investitionen in den Ausbau der Gastronomie und Handelslandschaften, Parksysteme oder Hotel- und Konferenzkapazitäten."
Der Beitrag der Infrastruktur
Ein erheblicher Teil der künftigen Baunachfrage entsteht aus dem Modernisierungsbedarf bestimmter Einrichtungen. Dazu zählen zunächst die Kraftwerke, die zum Großteil in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erbaut wurden und deren Lebensdauer Gluch mit durchschnittlich 40 Jahre ansetzt. Hinzu kommen weitere Investitionen im Energiesektor im Zusammenhang mit dem Ausbau der Windenergie und dem Ausstieg aus der Kernkraft.
In den letzten sechs Jahren hat sich das öffentliche Bauvolumen nach Ifo-Berechnungen um fast ein Viertel verringert. Inzwischen sei bei den öffentlichen Bauwerken der Investitionsbedarf so groß, dass die anstehenden Arbeiten demnächst angegangen werden müssten, schätzt Gluch - zumal sich die finanzielle Lage der kommunalen Haushalte im vergangenen Jahr deutlich verbessert habe. Einen bedeutenden Instandhaltungsbedarf weisen z.B. die Schulen auf, von denen viele in den sechziger und siebziger Jahren entstanden und entsprechende Maßnahmen erfordern.
Die Impulse aus den größeren finanziellen Spielräumen der Kommunen würden jedoch durch das Auslaufen einiger Sonderprogramme gedämpft. So gehen ab 2008 die Mittel aus dem Solidarpakt II jedes Jahr zurück; 2008 endet auch das Ganztagsschulenprogramm, für das der Bund rund 4 Mrd. EUR bereitstellt, und 2009 läuft das Programm „Stadtumbau Ost" aus.
Und wo bleibt der Wohnungsbau?
Gegenüber der erwarteten Erholung der gewerblichen Bautätigkeit fällt die Ifo-Prognose für den Wohnungssektor wesentlich gedämpfter aus. Grund ist der absehbare schwache bzw. ausbleibende Anstieg der privaten Einkommen. Allenfalls ab 2008/2009 könne man einen geringen Einkommensanstieg und damit einen etwas breiteren Spielraum für den Wohnkonsum erwarten.
Die Neubaunachfrage wird gemäß der Schätzung der Ifo-Forscher daher erst in knapp zehn Jahren wieder das Niveau der Jahrtausendwende erreichen. Das entspricht einer Fertigstellungszahl von über 300,000 Wohnungen im Jahr 2015. Allerdings entfallen bereits heute auf den Neubau nur noch ca. 40% der gesamten Wohnungsbauinvestitionen. Angesichts der Tatsache, dass 75 des deutschen Wohnungsbestandes älter sind als 25 Jahre, fällt die Prognose nicht schwer, dass die Bedeutung des Bestandsgeschäftes weiter zunehmen wird. Der technische Schwerpunkt liegt dabei auf Maßnahmen zur Energieeinsparung; räumlich werden sich die Investitionen auf Grund der besseren Renditeaussichten zunehmend auf die aufstrebenden Regionen Westdeutschlands konzentrieren.
An dem allgemeinen Trend in Richtung Bestandsmaßnahmen haben nicht nur die privaten Haushalte Anteil. Auch die öffentliche Hand steckt im Rahmen der sozialen Wohnraumförderung mittlerweile jeden vierten Euro in Modernisierungsmaßnahmen. Hier rechnet das Ifo für die nächsten Jahren ebenfalls mit einem Zuwachs.
(mol)
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