Handelsblatt, 28./29./30.11.2008, Nr. 232, S. 34
CHRISTIAN HUNZIKER | BERLIN Die wirtschaftliche Verschlechterung der vergangenen Wochen kommt jetzt auch in den deutschen Architekturbüros an. "Ein deutlicher Einbruch bei den gewerblichen Aufträgen der Architekten ist so gut wie sicher", sagt Erich Gluch, Bau- und Immobilienexperte beim Münchner Ifo-Institut. "Die Folgen der Finanzmarktkrise werden den Berufsstand hart treffen", bestätigt Joachim Brenncke, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer.
Dabei hatte sich in den vergangenen beiden Jahren die wirtschaftliche Lage der deutschen Architekten nach einer langen Krisenzeit kontinuierlich verbessert. Noch die letzte veröffentlichte Umfrage des ifo-Instituts, die Anfang Juli unter 2 500 freischaffenden Architekten durchgeführt wurde, zeichnet ein für die Branche erfreuliches Bild. Demnach bezeichneten 30 Prozent der Befragten und damit vier Prozentpunkte mehr als drei Monate zuvor ihre Auftragssituation als gut. Eine ähnlich positive Einschätzung hatte das Ifo-Institut letztmals Mitte der neunziger Jahre registriert.
Experte Gluch rechnet jedoch damit, dass sich die Stimmung unter den Baumeistern nun deutlich eintrüben wird. "Wenn sich das Klima in der Industrie verschlechtert, muss das Auswirkungen auf den Gewerbebau haben", gibt er zu bedenken. Davon betroffen sind nach Einschätzung von Olaf Bahner, Pressesprecher des Bundes Deutscher Architekten (BDA), insbesondere spektakuläre Projekte von Großunternehmen. "Grundsätzlich", so Architektenkammer-Vertreter Brenncke, "wird sich im kommenden Jahr jedes Architekturbüro mehr oder weniger stark auf Auftragsrückgänge einstellen müssen."
Für einen Berufsstand, deren Vertreter sich oftmals eher als Baukünstler denn als Unternehmer verstehen, bedeutet der wirtschaftliche Druck eine erhebliche Herausforderung. Allerdings hätten viele Büros als Folge der Krise bereits in der Vergangenheit einen Denkprozess durchgemacht und auf die Marktveränderungen reagiert, konstatiert Frank Peter Jäger, Inhaber des Berliner Beratungsbüros Archikontext und Herausgeber des Buches "Der neue Architekt".
Dennoch arbeite und denke die Mehrheit der Büros nicht ausreichend marktorientiert, kritisiert der auf die Architekturbranche spezialisierte Berater. Nach seinen Erfahrungen dominiert noch immer die Vorstellung, durch einen Wettbewerb oder eine Ausschreibung an Aufträge zu kommen. "Man investiert lieber viel Geld, Zeit und Mühe in institutionalisierte Verfahren, als sich offensiv am Markt zu präsentieren." Konkret empfiehlt Jäger den Architekten, Felder außerhalb der Leistungsphasen der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) zu besetzen - beispielsweise die Projektsteuerung, die Organisation von Wettbewerben, das Facility Management oder die Moderation von Baugruppen.
Vor besonderen Herausforderungen stehen dabei kleine Büros, deren ökonomische Situation besonders schlecht ist: Nur ein Drittel der Ein-Personen-Büros erzielte 2006 (neuere Zahlen liegen nicht vor) einen Gewinn von mehr als 30 000 Euro. Als möglichen Ausweg rät ihnen Jäger, sich auf lokaler Ebene zu Netzwerken zusammenzuschließen.
Eine weitere Möglichkeit, sich wirtschaftlich zu etablieren, liegt in der Spezialisierung. So machte sich das kleine Berliner Büro Kaden + Klingbeil überregional einen Namen mit dem Bau von Mehrfamilienhäusern aus Holz - mit dem Ergebnis, dass Büro-Mitinhaber Tom Kaden auf der diesjährigen Expo Real als Referent an den Stand der Bundesarchitektenkammer geladen war.
Hoffnung schöpft die Branche im Übrigen aus zwei Quellen. Zum einen rechnen Experten damit, dass die Auftragssituation im Wohnungsbau stabiler bleibt als im Gewerbebau. Nicht zuletzt angesichts der sich abzeichnenden Inflation, argumentiert Ifo-Mann Gluch, werde die Wohnimmobilie an Attraktivität gewinnen. Zum andern setzen die Architekten auf das Konjunkturprogramm der Bundesregierung, das, so die Hoffnung der Bundesarchitektenkammer, Investitionsvorhaben unterstützt und damit auch Architekten Aufträge verschafft.
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