Handelsblatt, 28.05.2009, Nr. 101, S. 6
HANS C. MÜLLER | DÜSSELDORF Wenn Nick Bloom, Ökonomie-Professor im kalifornischen Stanford, über Klimawandel und Weltwirtschaftskrise redet, dann kann das schnell ein bisschen zynisch klingen. Oder ironisch. Dabei meint der Brite das gar nicht so.
"Einen großen Vorteil hat die Wirtschaftskrise", sagt Bloom, die Rezession habe den Ausstoß von Treibhausgasen rapide gesenkt. "Da arbeiten Heerscharen von Forschern und Aktivisten jahrelang vergeblich daran, dass weniger Treibhausgas in die Atmosphäre geblasen wird", wundert er sich. "Aber die Einzigen, denen das tatsächlich gelingt, sind die gierigen Wall-Street-Banker."
Tatsächlich haben die Amerikaner zwischen 2007 und 2008 deutlich weniger Kohlendioxid (CO2) in die Luft gepustet: Die Emissionen sanken um fast drei Prozent. Solch einen großen Rückgang hat es seit Beginn der Statistiken über den CO2-Ausstoß noch nie gegeben. Fabriken produzieren in der Krise weniger, Flugzeuge bleiben am Boden, Frachter liegen leer vor Anker. All das senkt den Energieverbrauch - der CO2-Ausstoß ist eng an das Wirtschaftswachstum gekoppelt.
Gleichzeitig jedoch macht die Finanz- und Wirtschaftskrise den Klimaschützern das Leben schwer. Denn die öffentliche Debatte über den Kampf gegen die Erderwärmung ist in den vergangenen Monaten weitgehend zum Stillstand gekommen.
160 Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer setzen heute und morgen in München einen wichtigen Kontrapunkt: Auf dem achten "Munich Economic Summit" diskutieren sie zwei Tage über die besten Instrumente gegen die drohende Klimakatastrophe. "Klima und Energie - richtige Ziele, falscher Ansatz?" heißt der Titel der Konferenz.
Der Münchener Kongress markiert den Beginn der heißen Vorbereitungsphase für den nächsten Klimagipfel der Vereinten Nationen in Kopenhagen. Am kommenden Sonntag beginnt in Bonn das nächste Treffen von Experten aus aller Welt zur Vorbereitung auf die Konferenz in Dänemark - sie haben noch exakt 192 Tage Zeit, bis im Dezember der Mammut-Gipfel in der dänischen Hauptstadt beginnt. Dort will die Weltgemeinschaft ein neues internationales Abkommen vereinbaren. Alle Teilnehmerstaaten sollen sich für die Zeit nach 2012 auf verbindliche Ziele für die Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen verpflichten. 5 000 Regierungsbeamte aus mehr als 200 Ländern reisen dafür nach Kopenhagen, dazu kommen noch einmal ähnlich viele Klimaaktivisten, Wissenschaftler und Journalisten.
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Gipfel ein durchschlagender Erfolg wird, ist in den vergangenen Monaten eher gesunken. Die Finanzkrise hat den öffentlichen Druck auf die Regierungen, ambitionierte Ziele zu beschließen, reduziert. Am vergangenen Wochenende hat Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon die Wirtschaft weltweit zu einem größeren Einsatz für den Umweltschutz aufgefordert. Die Unternehmen sollten die "Avantgarde" eines beispiellosen Bemühens für eine "sauberere, grünere und nachhaltigere" Wirtschaft sein.
Kurzfristig sei die Wirtschaftskrise der größte Freund des Klimaschutzes, sagt Emanuele Massetti, Umwelt-Ökonom von der italienischen Stiftung "Eni Enrico Mattei", die sich mit den Folgen des Klimawandels für die Wirtschaft auseinandersetzt. Dauerhaft aber werde die weltweite Rezession höchstens eine geringe Entlastung bringen, betont Massetti - "es sei denn, sie dauert 50 Jahre".
Industrieunternehmen seien durch die Krise gezwungen, klimaverträglicher zu arbeiten, ist Stanford-Professor Bloom überzeugt. "Um überleben zu können, müssen die Unternehmen produktiver werden. Das tun sie am besten, indem sie beim Energieverbrauch sparen." Zudem könnten die Regierungen ihre milliardenschweren Konjunkturpakete nutzen, um grüne Technologien zu fördern. "Das ist eine große Chance", sagt Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
Allerdings verspielen die meisten Staaten diese Möglichkeit. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie von Edenhofer und Nicholas Stern, dem Autor des sogenannten Stern-Reports und ehemaligen Chefökonom der Weltbank. Edenhofer und Stern haben ausgewertet, wie stark die einzelnen Länder mit ihren Konjunkturpaketen grüne Technologien fördern - etwa für Gebäudedämmung, erneuerbare Energien oder den Eisenbahnbau.
In Deutschland fließen rund 13 Prozent der Konjunkturprogramme in den Umweltschutz, die Bundesrepublik liegt international immerhin auf Platz vier. Dass deutlich mehr möglich ist, machen zwei asiatische Staaten vor: Südkorea investiert 80 Prozent seiner Konjunkturhilfen in Umweltprojekte, China mehr als ein Drittel - vor allem für den Ausbau der Eisenbahn.
Vielleicht hätte sich die Regierung zu mehr Engagement durchgerungen, wenn das öffentliche Interesse am Klimawandel noch so hoch wäre wie vor zwei Jahren. Damals waren kurz hintereinander der Stern-Report und die Klimaberichte der Vereinten Nationen erschienen.
Die gemeinsame Botschaft dieser Berichte lautete: Die Probleme, die auf die Menschheit zukommen, sind gigantisch und drängend. Damals explodierte das Interesse der Medien an dem Thema: Im März 2007 erschienen in den 60 wichtigen Printmedien fast 800 Artikel dazu - derzeit sind es kaum mehr als 250.
Das gesunkene Medieninteresse könnte dem Klima gefährlich werden: Forscher der Universität Liverpool fanden kürzlich einen fast direkten Zusammenhang zwischen der Zahl der Zeitungsartikel und der Zahl der Menschen, die bei Umfragen angaben, Umweltschutz sei für sie ein wichtiges Thema.
Dabei bleibt der Menschheit nur noch wenig Zeit zum Gegensteuern. Um zu verhindern, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde im 21. Jahrhundert um mehr als zwei Grad Celsius steigt, müsste der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 gegenüber 1990 halbiert werden. Das errechneten kürzlich Forscher vom Potsdam-Institut und der Universität Oxford. Von 1990 bis heute ist der weltweite CO2-Ausstoß aber schon um ein Drittel gestiegen.
Ein Temperaturplus von zwei Grad gilt als kritischer Wert für das Klima. Doch das Ziel dient der Schadensbegrenzung, nicht der Rettung: Selbst bei einer geringeren Erwärmung würde der Meeresspiegel schon so weit steigen, dass viele Inselstaaten und Küstenorte in Gefahr wären - das macht der aktuelle Klimaschutzbericht der Vereinten Nationen deutlich. Setzten die Menschen weiter vor allem auf die Energiequellen Öl, Gas und Kohle, drohe sogar ein Temperaturanstieg von vier bis sechs Grad.
Eine Gefahr für ein ambitioniertes Ergebnis in Kopenhagen sind die vielen "Wenn-dann"-Positionen der verschiedenen Länder. So will die EU ihre Emissionen bis 2020 nur dann um 30 statt 20 Prozentpunkte senken, wenn die USA sich ein ähnliches Ziel vornehmen. Die Amerikaner wiederum verlangen, dass sich auch die größten Schwellenländer wie Indien und China festlegen und einen Beitrag leisten. Und die Regierung in Peking gab kürzlich die Parole aus, der Westen müsse bis 2020 sogar 40 Prozent einsparen, sonst komme man nicht ins Geschäft.
Findet sich eine Lösung für dieses strategische Dilemma, könnte Kopenhagen ein großer Erfolg werden. Blockieren sich aber alle mit hohen Forderungen an die Gegenseite, ist auch ein Reinfall möglich. Um den zu verhindern, werden die Diplomaten gebraucht, keine Wissenschaftler.
Klimakonferenz in München München ist heute und morgen Treffpunkt für Fachleute zum Thema Klimawandel und Energie. Mehr als 160 Experten aus Politik, Wissenschaft und Unternehmen diskutieren auf dem achten Munich Economic Summit über das Thema "Klima und Energie - richtige Ziele, falscher Ansatz?" im Hotel Bayerischer Hof. Unter anderem wird der Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohamed Bin Dhaen Al Hamli, die Position der Erzeugerstaaten im Kampf gegen den Klimawandel vorstellen.
Ein Gipfel mit Geschichte Der Munich Economic Summit wird seit dem Jahr 2002 gemeinsam vom Münchener Forschungsnetzwerk CES-Ifo und der BMW Stiftung Herbert Quandt veranstaltet und hat sich zu einer der wichtigsten ökonomischen Konferenzen in Deutschland entwickelt. Das Handelsblatt ist erstmals Medienpartner des Münchener Ökonomen-Gipfels. Zehn auf Umweltökonomie spezialisierte Nachwuchswissenschaftler nehmen als Handelsblatt-Fellow an der Tagung teil.
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