Handelsblatt, 27./28./29.07.2007, Nr. 143, S. 2
Wohin bewegt sich die deutsche Konjunktur? Diese Frage stellen sich derzeit viele Beobachter, weil einzelne Konjunkturdaten, insbesondere Stimmungsindizes, seit einigen Monaten keine klare Antwort mehr geben. Das gilt auf den ersten Blick auch für den Ifo-Geschäftsklimaindex, der im Juli zum zweiten Mal in Folge nachgab. Mit 106,4 nach 107 Punkten fiel er auf den niedrigsten Stand seit Oktober vergangenen Jahres (Grafik).
Dennoch ist dies kaum ein Signal für einen bevorstehenden Abschwung. Dazu beurteilen die Unternehmen ihre aktuelle Situation einfach noch zu gut. Außerdem planen vor allem Industrie und Dienstleister, verstärkt Personal einzustellen. Wer tut das in Deutschland mit seinem relativ restriktiven Kündigungsschutz, wenn er nicht von guten Geschäftsaussichten überzeugt ist?
Auch im Münchener Ifo-Institut, das für das Geschäftsklima monatlich rund 7000 Unternehmen aus verarbeitendem Gewerbe, Bauhauptgewerbe, Groß- und Einzelhandel befragt, nimmt man den abermaligen Rückgang der Geschäftserwartungen für das kommende halbe Jahr deshalb gelassen auf. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn geht davon aus, dass sich der Aufschwung im zweiten Halbjahr fortsetzt. Sein Ifo-Vorstandskollege, zugleich Konjunkturchef des Instituts, Gebhard Flaig, räumt zwar ein, dass so hohe Quartalswachstumsraten wie 2006 in diesem und im nächsten Jahr nicht mehr erreichbar seien. „Aber solange das Wachstum noch mit einer höheren Auslastung der Kapazitäten einhergeht und damit Beschäftigung steigen kann, setzt sich der Aufschwung fort", sagte Flaig dem Handelsblatt.
Das Trendwachstum in Deutschland beträgt nach Ifo-Schätzungen etwa 1,5 Prozent. Gleichzeitig liegen die Unternehmensbewertungen für Lage, Erwartungen und Exportaussichten im Ifo-Geschäftsklima immer noch deutlich über ihren langfristigen Durchschnitten. Die meisten Bankvolkswirte leiten daraus ab, dass das Wachstum bis ins Jahr 2008 hinein kräftig bleiben dürfte - oberhalb des Trends. In diesem Jahr wird das Wachstum durch die Mehrwertsteuererhöhung zwar gebremst, andererseits jedoch durch erleichterte Abschreibungsbedingungen für Ausrüstungsgüter gestützt. 2006 hatten Sondereffekte - Fußball-Weltmeisterschaft, Vorzieheffekte wegen der Mehrwertsteueranhebung und Wegfall der Eigenheimzulage - für ein überdurchschnittliches Wachstum von 2,8 Prozent gesorgt.
Ifo selbst fühlt sich durch das jüngste Geschäftsklima in seinen Prognosen bestätigt. Die Münchener Konjunkturforscher erwarten wie die meisten Institute 2007 einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 2,6 Prozent und 2008 von 2,5 Prozent. Auch für Bert Rürup, Vorsitzender des Sachverständigenrats, liegt der Ifo-Index „vollkommen im Rahmen der Erwartungen". „Die Wirtschaft wird in diesem Jahr um 2,5 bis 2,8 Prozent wachsen", sagte er dem Handelsblatt. Die deutsche Konjunktur sei intakt, allerdings seien die weltwirtschaftlichen Risiken größer geworden: „Ich denke hier an den Ölpreis und den starken Euro", sagte Rürup.
Auch Flaig schließt Bremseffekte durch diese Faktoren nicht aus. Sie werden aber nach seiner Einschätzung noch „durch die starke Mengennachfrage überspielt". Hierbei kommt der deutschen Wirtschaft zugute, dass sie sich im Export auf eine gefragte Produktpalette spezialisiert hat. Investitionsgüter, Fahrzeuge, Transport und Logistik sind Pluspunkte in einer Weltwirtschaft, in der das Gewicht der entwickelten Industrieländer zu Gunsten der aufstrebenden Märkte in China, Indien, aber auch Russland abnimmt. Dies dürfte ein Grund sein, warum die derzeit schwächere Konjunkturentwicklung in den USA auf die Wirtschaft in anderen Weltregionen nicht mehr so stark durchschlägt.
In Europa profitieren die deutschen Investitionsgüterhersteller außerdem davon, dass mit der Öffnung Osteuropas und der Erweiterung der EU neue Wachstums- und Absatzmärkte quasi vor der Haustür liegen. Damit hat sich der in Euro abgerechnete Exportanteil erhöht und haben sich Währungsrisiken vermindert.
Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die deutschen Unternehmer früher als ihre Kollegen in Frankreich, Italien oder Spanien sich neue Strukturen gegeben und Kosten drastisch gesenkt haben. Zur besseren Wettbewerbsfähigkeit hat außerdem die mehrjährige moderate Lohnentwicklung entscheidend beigetragen. Deutschland ist deshalb nicht mehr Schlusslicht beim Wachstum in der Euro-Zone. Und davon profitiert nach langer Durststrecke auch der Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit geht für Rürup „erstaunlich schnell zurück". 2008 werde sich der Rückgang aber vermutlich verlangsamen. Er könnte sogar ins Stocken geraten, wenn - mahnt Ifo-Experte Flaig - „zu. hohe Neuabschlüsse bei Tarifverträgen das Wachstum stärker bremsen als bisher einkalkuliert".
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