Handelsblatt, 27.03.2008, Nr. 60, S. 2
ELGA LEHARI | DÜSSELDORF Nicht nur in den volkswirtschaftlichen Abteilungen der Banken herrschte gestern Verblüffung - auch im Münchener Ifo-Institut. Mit einer so guten Entwicklung des Ifo-Geschäftsklimas, dem dritten Anstieg in Folge, hatten die meisten Experten nicht gerechnet. Die deutsche Wirtschaft zeigt sich nach Einschätzung der meisten Bankökonomen widerstandsfähiger als erwartet.
Schließlich hatten der Euro zum US-Dollar und der Ölpreis im März neue Rekordhöhen erklommen und waren erst wieder gesunken, als die monatliche Umfrage wegen der Osterferien praktisch schon abgeschlossen war. Inzwischen steigt der Euro-Kurs wieder, und auch Öl verteuerte sich gestern, weil die US-Rohöllagerbestände sich in der Woche vor Ostern kaum erhöht haben.
Doch nach dem Stimmungsbarometer scheint es, dass die konjunkturellen Belastungsfaktoren starker Euro und hoher Ölpreis der deutschen Wirtschaft derzeit kaum etwas anhaben können. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, dass vier Fünftel der deutschen Exporte inzwischen in Euro fakturiert werden. Hinzu kommt, dass der starke Euro die Ölverteuerung für Europa erträglicher macht als für die US-Wirtschaft, die bei der Öl- und Kraftstoffrechnung die Dollar-Abwertung doppelt zu spüren bekommt.
Positiv überrascht hat gestern nicht nur der Anstieg des Ifo-Indexes um 0,7 auf 104,8 Punkte - und damit auf den höchsten Stand seit August vergangenen Jahres. Nicht erwartet worden war auch, dass sich die Geschäftserwartungen der befragten 7 000 Unternehmen aus Industrie, Bauwirtschaft, Groß- und Einzelhandel leicht verbessert haben. Das spricht nicht dafür, dass die Unternehmen fürchten, von den Folgen der Finanzmarktkrise in den nächsten sechs Monaten massiv getroffen zu werden.
In der Industrie haben sich die Geschäftsaussichten zwar im März etwas eingetrübt, gleichzeitig sind aber die Exporterwartungen für die nächsten drei Monate optimistischer als im Februar - trotz des hohen Euro-Kurses. Klaus Abberger, der im Ifo-Institut die Ifo-Befragungen koordiniert, spricht von "verhaltenem Optimismus". Allerdings gebe es Unterschiede, sagte er dem Handelsblatt. So seien die PKW-Hersteller mit Blick auf ihre Exportaussichten kritischer als die Maschinenbauer und die Unternehmen der Metallerzeugung. Auch der Blick auf die Auftragsbestände zeigt, warum viele Unternehmen den nächsten Monaten gelassen entgegensehen. Im Maschinenbau beispielsweise sichern die Auftragsbestände schon jetzt die Produktion von vier Monaten.
Für Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn deuten die Ergebnisse der Ifo-Umfrage im März jedenfalls darauf hin, "dass die Konjunktur in Deutschland mit Jahresbeginn an Schubkraft gewonnen hat". Der Teilindex für die Lage ist mit 111,5 Punkten und einem Plus von 1,2 Punkten im März auf den höchsten Stand seit Mai vergangenen Jahres gestiegen. Angesichts der Stärke im ersten Quartal schließt Commerzbank-Ökonom Matthias Rubisch jetzt nicht mehr aus, dass das Wachstum im Gesamtjahr 2008 trotz nachlassender Dynamik im Jahresverlauf höher ausfallen könnte als von ihm mit 1,6 Prozent erwartet. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Geschäftsbelebung im März im Gegensatz zum Februar breit angelegt war.
Vor einem Monat stieg der Ifo-Index vor allem deshalb, weil sich das Geschäftsklima im Einzelhandel explosionsartig verbessert hatte - auf den höchsten Stand seit Juli 1996. Angesichts der häufigen Schwankungen in der Vergangenheit wäre ein starker Rückgang nicht ungewöhnlich gewesen. Doch auch der Handel überraschte positiv. Insgesamt trübte sich das Klima im Einzelhandel nur geringfügig ein, die Erwartungskomponente gab sogar weniger nach als der Index für die aktuelle Lage. Das frühe Ostergeschäft ist deshalb nur bedingt zur Erklärung geeignet. Stattdessen wächst im Handel offenbar die Hoffnung, dass der noch Ende 2007 stark eingebrochene private Konsum allmählich in Gang kommt.
Die Beschäftigungspläne vor allem der Industrie und der Dienstleister stützen solch positive Erwartungen. Insbesondere die Metall- und Maschinenbaufirmen wollen mehr Stellen schaffen, sagte Abberger. Gleichzeitig werden die Klagen in den Metallbranchen über Arbeitskräftemangel immer lauter.
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