Handelsblatt, 26.02.2007, Nr. 40, S. 7
MAILAND. Die italienische Wirtschaft hat sich nach Einschätzung führender europäischer Ökonomen seit dem Start des Euros nicht schnell genug an die neuen Situation angepasst und an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Italien sei „ein Beispiel für langsame Anpassung", schreibt die European Economic Advisory Group (EEAG) in ihrem neuen Jahresgutachten, der am Dienstag offiziell vorstellt wird. In der von der Münchener CES- Ifo GmbH initiierten EEAG sind acht europäische Ökonomen organisiert. Die Wissenschaftler analysieren in ihrem neuen Report unter anderem die wirtschaftliche Situation Italien.
Eine Schwäche des Landes sei, dass dort noch die verarbeitende Industrie dominiere. Diese sei größtenteils in traditionellen Low-Tech-Industrien wie dem Textilsektor tätig und daher besonders der Konkurrenz der Wachstumsmärkte in Asien und Europa ausgesetzt. Zudem existierten in Italien „substantielle Barrieren gegen ausländisches Kapital".
Bereits zum Zeitpunkt der Euro- Einführung hatte Italien mit hoher Verschuldung und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. „Die Gründung der Europäischen Einheitswährung traf zusammen mit der starken Krise der Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität in Italien, die von der Aufwertung des Euro seit 2002 noch erschwert wurde", heißt es in dem Report. Die Lohnkosten seien weiter gestiegen und die Inflation sei deutlich höher als in anderen Ländern.
Trotz der wirtschaftlichen Probleme seien die Real-Löhne in Italien weiter gestiegen. Zudem sei der reale Wechselkurs aufgrund der niedrigen Produktivität weiter gestiegen. Vor allem in Sektoren, die nicht dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind, Erfolge die Anpassung langsam.
Anders als vor dem Start der europäischen Währungsunion hat die italienische Wirtschaftspolitik heute nicht mehr die Möglichkeit, auf diese Entwicklung mit einer Abwertung der Währung zu reagieren. Die durch den Euro weggefallene Wechselkursflexibilität führe daher ohne wirtschaftspolitische Reformen früher oder später zu Wettbewerbsschwierigkeiten. Am besten wären diese durch Eingriffe in der Steuerpolitik in den Griff zu bekommen. Doch solche Reformen seien in der Praxis schwer umsetzbar. Daher spricht sich die EEAG für eine Liberalisierungspolitik in Italien aus. Das Land solle eine „Pro-Wettbewerbs-Politik fahren, die die Macht von Monopolen reduziert". Denn wenn eine Regierung mehr Wettbewerb im Energie- Telekommunikations- und Transportsektor forciert, würden die im europäischen Vergleich hohen Preise fallen.
Davon würden alle Unternehmen profitieren. Niedrigere Kosten würden die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, und höhere Konkurrenz würde zu mehr Innovationen führen. Der derzeitige Konjunktur-Aufschwung sei kein Argument dafür, den Status Quo beizubehalten. kk
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