Handelsblatt, 25./26./27.04.2008, Nr. 81, S. 1
FRANKFURT. Ein Stimmungseinbruch in der deutschen Wirtschaft hat am Donnerstag heftige Reaktionen an den Märkten ausgelöst. Experten sehen im Absturz des Ifo-Geschäftsklimaindexes ein mögliches Indiz dafür, dass die größte Volkswirtschaft und Konjunkturlokomotive des Euro-Raums dem hohen Euro-Kurs, den teuren Rohstoffen und dem Nachfrageeinbruch in den USA nicht länger standhalten kann.
Das wichtigste Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft, der Ifo-Index, ist im April so stark gefallen wie zuletzt im September des Jahres 2001. Die rund 7 000 befragten Unternehmen schätzen nicht nur ihre aktuelle Geschäftslage deutlich schwächer ein als noch im März. Sie blicken auch pessimistischer in das nächste halbe Jahr.
Der Euro reagierte mit einem Kursverlust von zeitweise mehr als zwei Cent auf gut 1,56 Dollar. Am Dienstag hatte die Gemeinschaftswährung noch die 1,60-Dollar-Hürde genommen und damit den höchsten Stand seit Einführung erreicht. Nach Bekanntgabe des Ifo-Indexes gaben auch die Zinsen am Kapitalmarkt deutlich nach, weil die Investoren jetzt eher mit einer Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) rechnen.
Auch in anderen Ländern der Euro-Zone hatte sich das Geschäftsklima zuletzt deutlich verschlechtert. Der kurz zuvor veröffentlichte Einkaufsmanagerindex hatte ergeben, dass die Zahl der Industrieneuaufträge im gesamten Währungsgebiet erstmals seit etwa drei Jahren gesunken ist. Deutsche Aktien verzeichneten gestern dennoch nur geringe Verluste. Ein schwächerer Euro-Kurs ist für exportorientierte Unternehmen eher positiv.
"Die bremsenden Einflüsse, die seit Mitte 2007 sichtbar waren, haben wieder die Oberhand gewonnen", sagte der Präsident des Münchener Wirtschaftsforschungsinstituts, Hans-Werner Sinn. Um zu beurteilen, ob der erste Rückgang des Stimmungsbarometers nach drei Anstiegen in Folge eine Trendumkehr signalisiert, ist es laut Ifo aber noch zu früh.
Ob sich die Stimmung der Unternehmen in den kommenden Monaten weiter verschlechtern wird, hängt aus Sicht von Volkswirten von den außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. "Wenn die Preise für Rohstoffe und Nahrungsmittel nicht weiter steigen, was angesichts der weltwirtschaftlichen Abschwächung logisch wäre, dürfte sich die Situation wieder entspannen", sagte der Chefvolkswirt der Dresdner Bank/Allianz, Michael Heise, dem Handelsblatt. Sollten sich die Rahmenbedingungen dagegen verschlechtern, seien "rezessive Tendenzen für eine mit der Weltwirtschaft so stark verwobene Volkswirtschaft wie der deutschen nicht auszuschließen". Das sei allerdings "äußerst unwahrscheinlich", fügte Heise hinzu.
Konjunkturexperten hatten schon länger damit gerechnet, dass die Euphorie der Firmen enden und der Ifo-Index sinken würde. Überrascht waren sie vom Ausmaß des Rückgangs. "Gründe für weniger Wirtschaftswachstum in Deutschland gibt es zuhauf", kommentierte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, in seinem Konjunkturblog für das Handelsblatt. "Die Euro-Stärke, die das Wachstum in den kommenden vier Quartalen um einen halben Prozentpunkt senken dürfte, die Finanzmarktkrise, die US-Rezession und die hohen Rohstoffpreise", zählte er auf. Gestern war der Preis für ein Barrel Rohöl zwar leicht gesunken, lag mit 116 Dollar aber immer noch auf hohem Niveau.
In Deutschland beurteilt das für den Konjunkturverlauf besonders wichtige verarbeitende Gewerbe sowohl seine gegenwärtige Situation als auch seine Perspektiven für die nächsten sechs Monate nach Ifo-Angaben "merklich zurückhaltender" als im Vormonat. Für das Auslandsgeschäft seien die Befragten zwar trotz des starken Euros weiter optimistisch, und auch der Beschäftigungsaufbau werde - wenn auch mit weniger Schwung - weitergehen, so das Institut. Nach dem Auftragsboom des Vorjahres kommen derzeit aber weniger Aufträge neu herein, als abgearbeitet werden.
Anders als die amerikanische Notenbank hat die Europäische Zentralbank (EZB) bisher unter Verweis auf die Robustheit der Konjunktur im Euro-Raum auf eine Zinssenkung verzichtet. EZB-Chef Jean-Claude Trichet zeigte sich gestern in Frankfurt aber über mögliche Auswirkungen der jüngsten Kurssprünge des Euros auf die europäische Wirtschaft besorgt. Er deutete an, dass das gegenwärtige Zinsniveau in der Euro-Zone hoch genug sei, um die Inflation im Zaum zu halten. In den vergangenen Tagen hatten einige EZB-Vertreter - angeführt von Bundesbank-Präsident Axel Weber - angedeutet, dass wegen der hohen Inflationsrate von 3,6 Prozent sogar eine Zinserhöhung nötig werden könnte. doh/noh
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