Handelsblatt, 25.11.2010, S. 4
Dorit Heß Frankfurt Ob sie schon einmal etwas von der Euro-Schuldenkrise gehört haben? Diese Frage konnte sich der Deutschland-Chefökonom von Unicredit, Andreas Rees, mit Blick auf die prominenteste deutsche Unternehmensbefragung nicht verkneifen. Denn entgegen den Erwartungen schnellte das Ifo-Geschäftsklima im November um 1,6 Zähler auf 109,3 Punkte und damit den höchsten in Gesamtdeutschland gemessenen Wert - weil die Unternehmen ihre aktuelle Geschäftssituation und auch ihre Aussichten für das kommende halbe Jahr positiver bewerten als bisher. Das gesamte Klima besserte sich in allen vier befragten Branchen, dem verarbeitenden Gewerbe, dem Bauhauptgewerbe, dem Groß- und dem Einzelhandel.
Rees, der wie die Mehrzahl der Konjunkturexperten in Deutschland von dem rasanten Anstieg überrascht wurde, erklärt die Zuversicht der deutschen Wirtschaft mit drei Gründen: Die Nachfrage aus Asien sei weiter hoch, mit Frankreich sei der mit knapp zehn Prozent Absatz wichtigste Handelspartner trotz der Euro-Krise auch robust aufgestellt - und vor allem gewinne der Aufschwung an Breite. Dem privaten Konsum, der 2010 um 0,5 Prozent wachsen dürfte, traut er 2011 sogar einen Anstieg um zwei Prozent zu. Dafür spreche auch die in Deutschland enorm gesunkene Furcht vor Arbeitslosigkeit, die die EU-Kommission misst. Verglichen mit den anderen Euro-Ländern sei sie zuletzt "mit Abstand am niedrigsten" gewesen, nur die Finnen waren noch zuversichtlicher.
Die Einzelhändler schätzen ihre Lage zwar nicht mehr als ganz so glänzend ein wie im vergangenen Monat, meldeten die Ifo-Forscher zwar. Bezüglich der Geschäftsentwicklung im nächsten halben Jahr seien sie aber deutlich optimistischer als bisher.
Die Binnennachfrage werde von den Investitionen zudem gestärkt, sagt Klaus Abberger, der bei Ifo die Befragungen koordiniert. "Für die Industriebetriebe spielen Rationalisierungsinvestitionen nicht mehr eine so große Rolle wie in der Vergangenheit, sie investieren nun in Ersatz und Erweiterungen."
Die Industrie, die den Takt der deutschen Wirtschaft vorgibt, hat großes Vertrauen in ihren Heimatmarkt: Denn obwohl sie sich vom Auslandsgeschäft weniger starke Impulse als im vergangenen Monat verspricht, sind ihre Geschäftserwartungen insgesamt gestiegen. Auch die Beschäftigung wollen die Industriefirmen weiter erhöhen, hat Ifo ermittelt.
"Der XL-Aufschwung setzt sich fort", kommentierte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Er habe nahezu alle Wirtschaftsbereiche erfasst und werde inzwischen zum größeren Teil von der Binnenwirtschaft getragen.
Bereits vor dem Ifo-Anstieg hatten einige Volkswirte ihre Wachstumsprognosen für das kommende Jahr deutlich angehoben.
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