Handelsblatt, 25.09.2008, Nr. 187, S. 4
DORIT HESS | FRANKFURT Die deutsche Wirtschaft hat im September ihre Talfahrt in rasantem Tempo fortgesetzt. Und diesen Pfad wird sie auch in den kommenden Monaten nicht verlassen. Das lässt sich am wichtigsten deutschen Stimmungsindikator ablesen, dem Ifo-Geschäftsklimaindex. Das Barometer sank im Vergleich zum August von 94,8 Punkten auf 92,9 Zähler und damit das vierte Mal in Folge deutlich. Vor allem die aktuelle Geschäftslage beurteilten die Unternehmen weitaus schlechter als im Vormonat.
Wie stark sich die in den vergangenen Tagen massiv verschärfte Finanzkrise auf die Stimmung der Unternehmen ausgewirkt hat, lässt sich anhand der Umfrageergebnisse nur schwer beurteilen: 60 Prozent der rund 7 000 von Ifo befragten Unternehmen gaben ihre Einschätzung noch vor dem "schwarzen Montag" ab, als die Investment- Bank Lehman Brothers Pleite ging. Das Münchener Institut hat bislang allerdings nicht separat analysiert, ob die nach dem 15. September befragten Unternehmen pessimistischer gestimmt waren. Einige Volkswirte vermuten das: "Wenn man nach der Lehman-Pleite gefragt hätte, wäre der Index noch schlechter ausgefallen, zumindest was die Erwartungen angeht", sagte Gernot Griebling von der Landesbank Baden-Württemberg.
Bislang wirkt sich die Finanzkrise aus Sicht des Ifo-Experten Klaus Abberger allerdings nur indirekt über die strauchelnden Handelspartner auf die deutsche Wirtschaft aus. Direkte Auswirkungen wie eine Kreditklemme sehe er bislang nicht. "Die Unternehmen haben ihre Bilanzen zuletzt stark bereinigt und viel aus Eigenmitteln finanziert", argumentierte er. Diese Auffassung vertritt auch der Chef des Sachverständigenrates, Bert Rürup: In der Tendenz würden die Banken zwar vorsichtiger und risikobewusster bei ihrer Kreditvergabe. "Der Grund für eine Verlangsamung des Kreditwachstums dürfte dennoch in erster Linie eine nachlassende Kreditnachfrage der Unternehmen sein", sagte er.
Der Teilindex für die aktuelle Geschäftslage stürzte im September regelrecht ab: von 103,2 auf 99,8 Punkte. Nur drei Mal seit dem Start der Umfrage des Münchener Instituts im Jahr 1991 war das Urteil der Unternehmen über ihre Geschäftslage derart stark eingebrochen: Während der Rezession am Jahresende 1992 und zu Jahresbeginn 1993 sowie nach den Terroranschlägen in den USA im Herbst 2001. Damals hatte sich der Lageindex sogar um 4,6 Zähler verschlechtert. Zum Vergleich: Von August auf September betrug das Minus 3,4 Punkte.
Die Ursache ist aus Sicht von Konjunkturexperten klar: Nachdem die Auftragseingänge von Dezember 2007 bis Juli 2008 und damit acht Monate in Folge gesunken sind - das gab es noch nie in der gesamtdeutschen Geschichte - müssen die Unternehmen Rückwirkungen auf ihre Produktion und ihre Gewinn- und Verlustrechnungen hinnehmen. Hinzu komme, dass die Lagebeurteilung während des zurückliegenden Booms und bis heute gemessen am tatsächlichen und prognostizierten Wachstum "zu hoch war und ist", sagte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Er spricht sogar von einer "Beurteilungsblase", die seit Monaten Luft verliere. Trotzdem werde die Lage noch "überdurchschnittlich gut" bewertet.
Dieser Trend dürfte sich zunächst kaum umkehren, denn auch die Erwartungen für die kommenden sechs Monate sanken im September. Der Rückgang war von 87 auf 86,5 Punkte zwar recht gering, das Niveau des Teilindizes aber ist so niedrig wie zu Zeiten der Rezession Anfang der 90er-Jahre.
Eine der Kernursachen dürfte die Situation der europäischen Handelspartner sein, denn: Auch in anderen wichtigen Volkswirtschaften der Euro-Zone verschlechterte sich die Stimmung der Unternehmen im September. In Frankreich sank das Geschäftsklima deutlich stärker als erwartet von revidiert 97 Punkten im Juli auf 92 Punkte im September, teilte die französische Statistikbehörde Insee mit. Im August wurden die Firmen wegen der Ferienzeit nicht befragt. Die Stimmung der italienischen Unternehmer sank gar auf den schlechtesten Wert seit Anfang des Jahrzehnts, teilten die Wirtschaftsforscher des Instituts Isae mit. Der Index sank auf 82,7 Zähler von 83,5 Punkten im Vormonat.
Die Konsequenz: Die Exporterwartungen der hiesigen Firmen sinken; das zeigte auch die Ifo-Umfrage. Große Hoffnungen setzen die Unternehmen auf die Schwellenländer: "Die BRIC-Staaten sind immer noch auf Wachstumskurs", sagte der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Volker Treier. Die deutschen Exporte in diese Region hätten zuletzt mit zweistelligen Wachstumsraten zugenommen. "Das Tempo wird geringer, aber das Wachstum wird anhalten."
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