Handelsblatt, 25.06.2008, Nr. 121, S. 4
MÜNCHEN. Die deutsche Wirtschaft steht nach Einschätzung des Ifo-Instituts vor einem Ende des Aufschwungs. Nach dem schwungvollen Jahresstart werde die Wachstumsdynamik zunehmend unter der Abkühlung der Weltkonjunktur und den hohen Energiepreisen leiden, erwartet das Institut in seiner gestern veröffentlichten Konjunkturprognose. In diesem Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt zwar noch um 2,4 Prozent zulegen, für 2009 sei dann aber nur noch ein Wachstum von 1,0 Prozent zu erwarten. Deutschland wird dann im Wahljahr 2009 das Schlusslicht in Europa bilden: Das Wachstum wäre nur etwa halb so hoch wie in der gesamten Europäischen Union. Deutschland würde nach der Prognose sogar hinter das derzeit von Rezessionssorgen geplagte Italien zurückfallen und auch von Frankreich überholt.
"Der Abschwung der Weltwirtschaft hat begonnen und wird auch Deutschland erfassen, aber noch nicht in diesem Jahr", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.
Nach dem vom milden Winter begünstigten Auftaktquartal ist laut Ifo-Forschern jedoch bereits im zweiten Vierteljahr mit einem leichten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. "Wenn man das furiose Auftaktquartal weglässt, ist schon nicht mehr viel mit der deutschen Herrlichkeit", sagte Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen. Auch Wirtschaftsstaatssekretär Walther Otremba befürchtet, dass die Wirtschaft im Frühjahr geschrumpft sein könnte. Eine Stagnation wäre bereits ein gutes Ergebnis, sagte Otremba in Berlin. Der starke Euro trage dazu bei, die Folgen des rapiden Anstiegs beim Ölpreis abzufedern, aber die Nachteile überwögen.
Insbesondere die Rekorde beim Ölpreis und den Spritpreisen haben insgesamt zu einer empfindlichen Abkühlung des Konsumklimas in Deutschland geführt. Das Marktforschungsinstitut GfK prognostiziert für den Konsumklimaindex im Juli einen Wert von nur noch 3,9 Punkten nach 4,7 Punkten im Juni - der niedrigste Stand seit Dezember 2005. Die Entwicklung der Energiepreise und der Preise für Lebensmittel sei das beherrschende Thema, teilte die GfK mit. Die Nürnberger Marktforscher halbierten ihre Prognose für das Wachstum der privaten Konsumausgaben in diesem Jahr. Sie rechnen jetzt nur noch mit einem realen Plus von einem halben Prozent. Bereits im März war die Prognose von 1,5 auf 1,0 Prozent gesenkt worden.
Auch das Ifo-Institut senkte gestern seine Voraussage für den Konsum im Jahr 2008 auf 0,5 Prozent. Zusammen mit anderen Konjunkturforschungsinstituten hatte Ifo noch im April im Frühjahrsgutachten eine Steigerung des privaten Verbrauchs von 0,8 Prozent erwartet. Auch für das nächste Jahr wurden die Erwartungen nach unten geschraubt. 2009 rechnet Ifo mit 0,8 Prozent höheren Konsumausgaben gegenüber noch 1,2 Prozent Plus im Frühjahrsgutachten.
Im laufenden Jahr bremst vor allem die beschleunigte Inflation den Ausgabenspielraum der Konsumenten aus. Nach Berechnungen der Ifo-Konjunkturexperten bleiben den privaten Haushalten vom nominalen Anstieg der verfügbaren Einkommen um 3,0 Prozent nach Abzug des Preisanstiegs für die konsumierten Güter und Leistungen nur 0,5 Prozent. Dieser so genannte Deflator, der in den Berechnungen des Bruttoinlandsprodukts verwendet wird, ist rund einen halben Prozentpunkt niedriger als der Anstieg der Verbraucherpreise. Bei diesen prognostiziert Ifo im Durchschnitt dieses Jahres einen Sprung von 2,3 auf 3,1 Prozent, der sich 2009 aber auf 2,4 Prozent zurückbilden werde. Bei seiner Prognose hat Ifo unterstellt, dass der Ölpreis für die Sorte Brent bis Ende 2009 nach und nach auf etwa 120 US-Dollar sinken wird und der Wechselkurs des Euro um 1,55 US-Dollar schwankt.
Obwohl die Tariflöhne nach Einschätzung des Ifo-Instituts 2009 mit 3,5 Prozent schneller steigen werden als 2008 mit 2,7 Prozent, werde der private Konsum sich aber nur wenig beleben: Den Grund sieht Ifo darin, dass die Beschäftigung im Zusammenhang mit der sich abschwächenden Konjunkturdynamik dann kaum noch zunehmen werde. Ifo-Präsident Sinn warnte in diesem Zusammenhang gestern auf der Jahrestagung seines Instituts davor, die Arbeitsmarktreformen aus der Ära Gerhard Schröder aufzuweichen. "Bisher hat es dadurch 1,1 Millionen Agenda-Jobs gegeben, die nicht durch die gute Konjunktur zu erklären sind", sagte Sinn. Seiner Meinung nach ist der Öffentlichkeit in Deutschland viel zu wenig bekannt, dass die Arbeitsmarkterholung in den vergangenen Jahren ein "riesiger Erfolg der Agenda 2010 ist".
Die Beschäftigung wird nach der neuen Ifo-Prognose im Durchschnitt dieses Jahres um 590 000 auf 40,347 Millionen Erwerbstätige steigen, 2009 aber nur um weitere 110 000, im Verlauf des Jahres sogar nur um knapp 20 000. Die Arbeitslosenquote sieht Ifo von 8,7 Prozent im vergangenen Jahr auf 7,1 Prozent im nächsten Jahr sinken. ari/HB/Reuters
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