Handelsblatt, 24.06.2010, S. 2
Dorit Heß, Axel Schrinner München, Düsseldorf Ist Deutschland noch zu retten? Viele Jahre war Hans-Werner Sinn das personifizierte schlechte Gewissen der deutschen Wirtschaftspolitik. Kaum eine Talkshow verzichtete darauf, den markanten Chef des Münchener Ifo-Instituts seine Kritik am Standort Deutschland runterbeten zu lassen.
Doch nun hat Sinn sich plötzlich an die Spitze der Optimisten gesetzt. Deutschland wird als Gewinner aus der Weltrezession hervorgehen, sagt er. Erstmals seit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise steht die Ifo-Konjunktur-Uhr wieder auf Boom. "Die Wachstumskräfte verlagern sich von den Peripherieländern, den Schuldenländern, zu den Sparländern, nach Deutschland und in die Schweiz", sagte Sinn gestern in München.
Das werde einen regelrechten Bauboom in Deutschland auslösen, der die Binnenwirtschaft hochziehen werde - über den laufenden Konjunkturzyklus hinaus. Der Münchener Ökonom ist vor allem mit Blick auf die kommenden zehn bis 15 Jahre zuversichtlich für die größte Volkswirtschaft des Euro-Raums.
Tatsächlich stehen derzeit in Deutschland alle Signale auf Aufschwung. Mit dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und dem Ifo-Institut erhöhten gestern gleich zwei der führenden Institute ihre Wachstumsprognose kräftig auf rund zwei Prozent. Und obwohl rund um den Globus die Konjunkturprogramme ausliefen, dürften 2011 noch etwa 1,5 bis 1,75 Prozent Wachstum drin sein, sagen die Ökonomen.
Damit steht Deutschland im Wachstums-Ranking der Euro-Staaten mit an der Spitze. Lediglich in der Slowakei dürfte die Wirtschaftsleistung dieses Jahr noch stärker wachsen, schätzt das Ifo-Institut. Das Bruttoinlandsprodukt der gesamten Euro-Zone inklusive Deutschland werde nur halb so stark zulegen wie das der Bundesrepublik.
Arbeitslosigkeit sinkt in diesem und dem nächsten Jahr.
Auch eine neue Umfrage unter Einkaufsmanagern signalisiert robustes Wachstum. "Die deutsche Wirtschaft ist im Juni nicht nur den elften Monat gewachsen, der Aufschwung hat gegenüber Mai sogar wieder leicht an Fahrt gewonnen", sagte Tim Moore von Markit, einem privaten Institut, das die monatliche Umfrage unter den Einkaufsmanagern durchführt; der Markit-Index gilt als guter Frühindikator für die Konjunktur. Allerdings dürfte das Tempo des Aufschwungs im zweiten Halbjahr nachlassen.
Die gute Konjunktur wird auch auf den Arbeitsmarkt ausstrahlen. Dieses und nächstes Jahr werde die Arbeitslosigkeit kräftig sinken, sagen die Volkswirte unisono. 2011 dürften etwa 3,04 bis 3,07 Mio. Menschen im Jahresschnitt arbeitslos sein, erwarten RWI und Ifo. Das wären fast 400 000 weniger als im Rezessionsjahr 2009.
Die sich entspannende Lage auf dem Arbeitsmarkt hebt auch die Verbraucherlaune. Trotz Finanzmarktturbulenzen und Spardebatte verharrte das GfK-Konsumklima auf hohem Niveau bei 3,5 Punkten. Viele Haushalte hätten im Juni beim Konsum sogar noch zugelegt, teilte die Gesellschaft für Konsumforschung mit. Dabei sei vielen Haushalten bewusst, dass sie künftig den Gürtel enger schnallen müssten; viele Haushalte rechneten mittelfristig mit geringeren Einkommen. STAATSFINANZEN Die gute Konjunktur entlastet die Staatsfinanzen. Ökonomen erwarten für dieses Jahr eine gesamtstaatliche Defizitquote von vier bis 4,5 Prozent; 2011 könnte sie gar auf 3,4 Prozent sinken. Einnahmen Mehr Wachstum führt dazu, dass die Unternehmen höhere Gewinne machen und mehr Steuern zahlen. Der Rückgang der Kurzarbeit erhöht zudem das Einkommen der Arbeitnehmer und deren Steuer- und Beitragszahlungen. Ausgaben Mehr Wachstum senkt zudem die Staatsausgaben. So muss die Arbeitsagentur weniger Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld zahlen. Zudem sinken die Ausgaben des Bundes für Hartz IV. In der Krise aufgelegte Konjunkturprogramme können zudem auslaufen.
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