Handeslblatt, 24.02.2010, S. 3
Axel Schrinner Düsseldorf Der wichtigste Frühindikator für die deutsche Wirtschaft ist im Februar überraschend gesunken. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ging von 95,8 Punkten im Vormonat leicht auf 95,2 Punkte zurück. Volkswirte hatten mit einem Anstieg auf 96,3 Punkte gerechnet. Das Ifo-Institut machte den eisigen Winter für die schlechten Daten verantwortlich. "Die wirtschaftliche Erholung dürfte sich nach dem Winter fortsetzen", gab sich Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn optimistisch.
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gab seinem Koalitionspartner eine Mitschuld an der Eintrübung der Stimmung. "Die kakofonische Diskussion über Steuerentlastungen hat keinen Beitrag zur Stabilisierung des Käuferverhaltens geleistet", sagte er. Der Durchbruch zu einem selbsttragenden Aufschwung stehe noch aus.
Tatsächlich war die schlechte Stimmung im Einzelhandel maßgeblich für den Rückgang des Geschäftsklimas verantwortlich, wie die Ifo-Umfrage zeigt. Der strenge Winter habe "die Stimmung eingefroren", bestätigte eine Sprecherin des Einzelhandelsverbandes. Der Verband erwartet in diesem Jahr stagnierende Umsätze, nachdem es 2009 das größte Minus seit der Wiedervereinigung gegeben hatte. Auch im Großhandel sank das Geschäftsklima spürbar, während es im verarbeitenden Gewerbe nahezu unverändert blieb. Im Bauhauptgewerbe verbesserte sich die Stimmung hingegen erneut.
Das Ifo-Geschäftsklima ist das bedeutendste Stimmungsbarometer für die deutsche Wirtschaft. Es basiert auf einer Umfrage bei 7 000 Unternehmen und setzt sich zusammen aus der Einschätzung der aktuellen Lage und den Konjunkturaussichten.
Während die Erwartungen der Wirtschaft mit 100,9 Punkten auf den höchsten Wert seit Juli 2007 weiter stiegen, sackte die aktuelle Lageeinschätzung deutlich um 1,4 auf 89,8 Punkte ab - obwohl der schwache Euro die Exportaussichten der deutschen Wirtschaft deutlich verbessert.
Die schlechten Ifo-Zahlen schickten den Deutschen Aktienindex auf Talfahrt. Auch der Euro-Kurs bröckelte ab. Der Bund-Future drehte in die Gewinnzone. Bank-Volkswirte versuchten, ihre Fehlprognose zu kaschieren. Für den HSBC-Experten Thomas Amend bleibt das "moderat freundliche Konjunkturbild" intakt. Das lang anhaltende Winterwetter habe die erwartete erneute Stimmungsaufhellung vereitelt. Dieser Effekt dürfte aber nur vorübergehend wirken.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer betonte in seinem Handelsblatt-Blog, das Ifo-Geschäftsklima werde in den kommenden Monaten tendenziell unter Druck kommen. Der Index des Zentrums Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) falle bereits seit Oktober. An oberen Wendepunkten folgten die Ifo-Geschäftserwartungen dem ZEW-Index durchschnittlich mit einem halben Monat Verzögerung nach unten, das Ifo-Geschäftsklima mit einem Monat Verzögerung. Der Rückgang dürfte allerdings moderat ausfallen, weil die Beurteilung der gegenwärtigen Wirtschaftslage noch sehr niedrig ist und somit "mehr Aufwärtspotenzial hat als üblich".
Mit den schwachen Ifo-Daten sehen sich dagegen Skeptiker bestätigt. Trotz eines statistischen Überhangs von 0,5 Prozentpunkten erwartet das Kieler Institut für Weltwirtschaft bislang nur 1,2 Prozent Wachstum in diesem Jahr, Wirtschaftsminister Brüderle rechnet mit 1,4 Prozent und das Ifo-Institut mit 1,7 Prozent. Mehrere Banken erwarteten dagegen deutlich mehr als zwei Prozent Wachstum. An der Spitze der Optimisten stehen die Volkswirte der Credit Suisse, die Deutschland in diesem Jahr ein Plus von 2,5 Prozent zutrauen. Für den Kieler Ökonomen Carsten-Patrick Meyer gibt es hingegen keinen Grund, seine zurückhaltende Wachstumsprognose "nennenswert" zu korrigieren. Das vierte Quartal sei schwach gewesen, das erste Quartal werde ebenfalls schwach werden, sagte Meyer.
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