Handelsblatt, 23.06.2009
FRANKFURT. Es ist gerade mal ein Jahr her, da feierte der Übervater des Münchener Ifo-Institutes, Hans-Werner Sinn, mit einer großen Forschungskonferenz seinen 60. Geburtstag. Am Dienstag zieht die gesamte Denkfabrik nach: Die Jahrestagung des renommierten Hauses wird zu 60. Geburtstagsfeier. Dabei könnte das Institut im Grunde zu seinem 63. Geburtstag einladen. Denn bereits 1946 wurde das "Institut für Wirtschaftsbeobachtung und Wirtschaftsberatung" im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft gegründet, aus dem später das Ifo-Institut hervorging - unter Mitwirkung des damaligen Bayerischen Landes- bzw. Staatsministers Ludwig Erhard. Noch heute heißt der große Sitzungssaal des Münchener Instituts zu Ehren des Vaters des Wirtschaftswunders daher "Ludwig-Erhard-Saal".
Ein Jahr später wurde das Haus "umgegründet" - zum hauseigenen Institut des Staatsministeriums, in das "Süddeutsche Institut für Wirtschaftsforschung e. V.". Wiederum ein Jahr später wurde die Ifo-Stelle für Wirtschafsbeobachtung im Bayerischen Landesamt für Statistik zur Organisation von Unternehmenserhebungen außerhalb der amtlichen Statistik gegründet, im Juli 1948 erschien der erste Ifo-Schnelldienst mit Ergebnissen von Testerhebungen. Heute gilt der Ifo-Geschäftsklima-Index, wie das Barometer heißt, als der wichtigste Stimmungsindikator der deutschen Wirtschaft.
Im Januar 1949 schließlich wurde das Institut für Wirtschaftsforschung München im Kleinen Rathaussaal "durch maßgebliche Initiative von bayerischen Unternehmen und Verbänden sowie durch die Mitwirkung der süddeutschen Wirtschaftsministerien in Bayern, Württemberg-Baden, Hessen und der Münchner Universität" gegründet, wie es heute im Institut heißt.
Das Haus in der Poschingerstraße 5 in München steht seither für Konstanz - das lässt sich allein schon an der kleinen Zahl der Präsidenten ablesen: Innerhalb von sechs Jahrzehnten standen gerade einmal fünf an der Spitze. 1949 bis 1955 Karl Wagner, 1955 bis 1965 Hans Langelütke, 1965 bis 1976 Karl Maria Hettlage, 1976 bis 1999 Karl Heinrich Oppenländer und seither Hans-Werner Sinn. "Er hat aus dem Ifo-Institut eine nicht nur in Deutschland, sondern weltweit bedeutende ökonomische Forschungseinrichtung gemacht", lobt Harvard-Professor Martin Feldstein, der das renommierte amerikanische National Bureau of Economic Research (NBER) leitet. Cesifo - ein Forschungsverbund - sei "in den letzten Jahren wie Phönix aus der Asche gestiegen", lobt der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz. "Das Institut hat sich nicht zuletzt auf Grund seines internationalen Netzwerkes eine hohe wissenschaftliche Reputation erworben und ist in der wirtschaftspolitischen Beratung nicht mehr wegzudenken", sagt er.
Dabei lief es für das Ifo-Institut vor einigen Jahren gar "nicht übermäßig", wie Ifo-Wissenschaftler Gernot Nerb berichtet, der seit 1967 dem Haus angehört. Die Serviceleistungen des Instituts waren zwar gut, die Forschungsleistungen aber nicht ausreichend, so das Urteil der Evaluatoren. Den tiefen Kratzer im Image, den die Herabstufung zur "Serviceeinrichtung" hinterließ, konnte das Haus in der "Ära Sinn" mehr als nur glatt bügeln. Pünktlich zum Jubiläum, im März dieses Jahres, kamen die strengen Prüfer zu dem Ergebnis, das Ifo-Institut leiste "hervorragende" Arbeit. Ihre Empfehlung: Bund und Länder sollen Ifo zu einer Forschungseinrichtung umstufen. So gesehen dürfte den Münchnern trotz der Wirtschaftskrise vor den nächsten 60 Jahren nicht bange sein.
Das Ifo-Institut feiert seinen 60. Geburtstag. Welchen Stellenwert die Denkfabrik - hier mit dem derzeitigen Präsidenten Hans-Werner Sinn - für die Bundesrepublik hat, haben führende Konjunkturexperten Handelsblatt.com berichtet. Lesen Sie, welche Einschätzungen die Ifo-Gratulanten geben.
Cesifo ist in den letzten Jahren wie Phönix aus der Asche gestiegen. Das Institut hat sich nicht zuletzt auf Grund seines internationalen Netzwerkes eine hohe wissenschaftliche Reputation erworben und ist in der wirtschaftspolitischen Beratung nicht mehr wegzudenken.
Nach dem tiefen Tal der Reputationseinbuße, das Ifo in der zweiten Hälfte der 90er Jahre durchschreiten musste, ist der Aufstieg von Ifo unter Hans-Werner Sinns Präsidentschaft eine hervorragende Leistung. Besonders lobenswert ist das Bestreben Ifos, enge Kontakte zur Mutteruniversität zu halten, Forschungsnetzwerke zu pflegen und die Forschungstätigkeit so gesellschaftlich relevant auszurichten, dass der Weg zur wirtschaftspolitischen Beratung kurz und gerade bleibt.
Das Ifo-Institut gehört ohne Zweifel zu den besten deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten. Da ist zum einen das Ifo-Geschäftsklima, das uns Volkswirten seit Jahrzehnten recht verlässliche Hinweise darauf gibt, wie sich die Konjunktur in den kommenden Monaten entwickelt. Das Ifo-Geschäftsklima ist der wichtigste deutsche Frühindikator. Aber auch jenseits der Konjunkturforschung hat sich das Ifo-Institut mit seinen Studien einen Spitzenplatz in der Forschungslandschaft erarbeitet. Ich wünsche mir, dass das Institut in der wirtschaftspolitischen Diskussion weiter mit klarer Stimme spricht und die Fahne der Marktwirtschaft hochhält. Das ist wichtig in einer Zeit, in der die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise viele an dem marktwirtschaftlichen Fundament unserer Wirtschaftsordnung zweifeln lässt.
Ifo ist mit seiner Forschung nah am Puls der deutschen Wirtschaft, insbesondere an der Industrie. Mit dieser Praxisrelevanz gelingt es Ifo, exzellente Forschungsergebnisse in Politik und Öffentlichkeit zu tragen - und somit den "Elfenbeinturm" zu verlassen.
Ifo ist ein Beispiel für eine gelungene Kombination von Wissenschaft und Praxis und damit für eine erfolgreiche Wiederbelebungsaktion, die in vielen Instituten in den letzten Jahren gestartet worden ist. Der Geschäftsklimaindex ist trotz aller wechselnden Vorlaufeigenschaften immer noch DER deutsche Konjunkturindikator schlechthin. Auch mit anderen Datenangeboten wie der Kredithürde oder der internationalen Datenbank "Dice" zeigt sich Ifo sehr praxisorientiert. Hier kann man sich - wie von allen Instituten - aber noch mehr vorstellen. Also: Beste Wünsche nach München und immer die richtige Balance zwischen wissenschaftlicher Fundiertheit und praxisorientierter Nutzenstiftung.
Das Ifo Institut ist natürlich am meisten für seine Unternehmens-Umfrage bekannt - die Veröffentlichung des Index ist auch tatsächlich ein "market moving event". Aber auch die Forschung am Institut produziert immer wieder interessante Sachen. Das jetzigen Umfeld bietet zweifelsohne eine gute Gelegenheit, sich noch stärker mit angewandten Problemen zu befassen. Inwieweit wir in der Volkswirtschaft im Moment einen Paradigmenwechsel erleben, wird man erst in ein paar Jahren sehen. Ich wünsche dem Institut auf jeden Fall, dass es aktiv an dieser Diskussion teilnimmt.
Zu den 60 Jahren sehr erfolgreicher Arbeit kann man das Ifo-Institut nur beglückwünschen. Ganze Heere von Konjunkturbeobachtern fiebern dem monatlichen Ifo-Geschäftsklimaindex entgegen. Hervorzuheben ist aber aus meiner Sicht insbesondere die Verknüpfung von Politikberatung und wissenschaftlicher Forschung und die Internationalität des Forschungsnetzwerks. Die Beratungsleistungen des Instituts sind nicht nur bei nationalen, sondern auch bei internationalen Entscheidungsträgern anerkannt. Gerade in den heutigen Zeiten ist eine solche wissenschaftlich fundierte und unabhängige Beratung unerlässlich. Ich wünsche dem Ifo-Institut, dass es auch in den nächsten 60 Jahren den klaren Blick auf die wirklich drängenden Probleme von Wirtschaft und Gesellschaft behält. Und ich wünsche ihm Einfluss auf die Politik. Vom Institut erhoffe ich mir weiterhin gute und kritische Analysen.
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