Handelsblatt, 23.06.2010, S. 16
Axel Schrinner Düsseldorf Die deutsche Wirtschaft startet mit Volldampf aus dem zweiten Quartal in den Sommer. Entgegen den Erwartungen stieg der Ifo-Index im Juni leicht auf 101,8 Punkte an. Das ist der höchste Stand des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers seit dem Beginn der Krise vor zwei Jahren. "Die Konjunkturerholung setzt sich fort", sagte der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn.
Nach Angaben der Wirtschaftsforscher profitierten die Unternehmen vom weltweiten Wachstum, vor allem in Asien. "Die Exporterwartungen sind recht optimistisch", sagte Ifo-Experte Klaus Abberger der Nachrichtenagentur Reuters. Der zum Dollar zuletzt deutlich gefallene Euro-Wechselkurs helfe hier. Die Konjunktur stabilisiere auch die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt: "Der Trend dürfte anhalten."
Trotz der auf den ersten Blick guten Ifo-Daten beendete der Deutsche Aktienindex gestern seine mehrtägige Aufwärtsbewegung und ging zunächst auf Talfahrt. Denn der Anstieg des Ifo-Geschäftsklimas basiert allein auf der besseren Einschätzung der aktuellen Geschäftslage; die Aussichten der Unternehmen für die nächsten sechs Monate trübten sich im Juni bereits den zweiten Monat in Folge ein.
Dies deckt sich mit den Prognosen des Instituts für Weltwirtschaft. Die Kieler Volkswirte hatten der deutschen Wirtschaft vergangene Woche für das Frühjahr das höchste Quartalswachstum seit 14 Jahren vorhergesagt - und ab dem Sommer dann nur noch sehr moderate Wachstumsraten. Gründe seien die spürbare Abkühlung der Weltkonjunktur im kommenden Jahr und das Auslaufen der globalen Konjunkturprogramme.
Dieses Jahr wird die deutsche Wirtschaft noch von der sehr expansiven Finanzpolitik beflügelt: Der fiskalpolitische Impuls beträgt rund 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ab 2011 will der Bund aber sparen; zudem laufen befristete Stimulierungsmaßnahmen wie die degressiven Abschreibungen aus. Insgesamt werde der Impuls etwa einen halben Prozentpunkt geringer ausfallen als 2010, schätzt das Kieler Institut.
Nach Ansicht der Ifo-Ökonomen wird das milliardenschwere Sparpaket der Bundesregierung die robuste Konjunkturerholung in Deutschland aber nicht stoppen. Die Sparpläne seien wegen der hohen Verschuldung richtig und dienten einer nachhaltigeren Entwicklung. Wenn die Politik nichts täte, könnte die Konjunktur sogar Schaden nehmen. Das Ifo-Institut widersprach damit Forderungen aus den USA. Präsident Barack Obama hatte vergangene Woche vor den Folgen einer restriktiven Fiskalpolitik gewarnt, weil der Aufschwung zu schwach sei.
Weite Teile der Wirtschaft sind in Hochstimmung.
Doch kann von einem schwachen Aufschwung derzeit in Deutschland keine Rede sei. In der Industrie verbesserte sich die Stimmung erneut. Auch Bauhauptgewerbe und Großhandel sind optimistischer als noch vor einem Monat. Einzig im Einzelhandel kühlte sich die Stimmung im Juni etwas ab, so die Ifo-Umfrage.
Andreas Rees von der Unicredit betonte, derzeit liefen die Geschäfte der deutschen Unternehmen noch sehr gut, insbesondere im Export. Diese gute Entwicklung werde in den nächsten Monaten noch anhalten. "Aber es mehren sich die Warnsignale."
Für Andreas Scheuerle von der Deka-Bank ist der Rückgang der Geschäftserwartungen "kein Anzeichen von Panik, sondern eine geordnete und angemessene Reaktion auf etwas verhaltenere Konjunkturperspektiven". Ungeachtet der dämpfenden Einflüsse erwartet Allianz-Research dieses Jahr 2,3 Prozent Wachstum - das wäre der höchste Anstieg der Wirtschaftsleistung seit 2007. GLOSSAR Geschäftsklima Der vom Ifo-Institut ermittelte Index basiert auf einer monatlichen Umfrage unter 7 000 Unternehmen aus Industrie, Bau und Handel. Die Firmen bewerten ihre aktuelle wirtschaftliche Situation sowie die Geschäftserwartungen. Das Ifo-Geschäftsklima ist der wichtigste Frühindikator für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Lage Die Unternehmen bewerten ihre aktuelle Lage mit "gut", "befriedigend" oder "schlecht". Daraus ermitteln die Ifo-Volkswirte den Lageindex. Erwartungen Die Firmen beurteilen ihre Geschäftsaussichten für die nächsten sechs Monaten als "günstiger", "unverändert" oder "ungünstiger". Die Ergebnisse bilden den Erwartungsindex. Dann wird aus Lage- und Erwartungsindex das Ifo-Klima errechnet.
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