Handelsblatt, 23.05.2008, Nr. 98, S. 6
DORIT HESS | FRANKFURT Der Gegenwind bläst gewaltig: Der Ölpreis hat nach einem neuen Rekordsprung erstmals die Marke von 135 Dollar erreicht, der Euro hat seinen Höhenflug fortgesetzt, wichtigen Handelspartnern im Euro-Land geht die Puste aus. Und doch lassen sich die Unternehmen in Deutschland nicht von ihrer Erfolgsspur verdrängen. Das signalisiert der Geschäftsklimaindex des Ifo-Institutes: Das wichtigste deutsche Stimmungsbarometer kletterte im Mai gegenüber April um 1,1 Punkte auf 103,5 Zähler. Ausschlaggebend für den Anstieg des Barometers war neben den optimistischeren Geschäftsaussichten der rund 7 000 befragten Unternehmen für die kommenden sechs Monate vor allem die verbesserte Einschätzung ihrer aktuellen Geschäftslage.
Damit lieferten die Unternehmen am Mittwoch die zweite unerwartet positive Konjunkturnachricht binnen weniger Tage. Im ersten Quartal war die deutsche Wirtschaft um 1,5 Prozent im Vorquartalsvergleich gewachsen, hatte das Statistische Bundesamt vergangene Woche gemeldet. Details, was für den unerwarteten Wachstumsschub Anfang des Jahres gesorgt hatte, liefern die Statistiker am Dienstag. Daraufhin hatten Bank- und Institutsvolkswirte ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr auf teilweise deutlich über zwei Prozent erhöht - erst gestern die des Deutschen Bankenverbandes. Auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hatte gesagt, das Wachstum könne etwas besser ausfallen als von der Bundesregierung mit 1,7 Prozent für 2008 vorhergesagt.
"Insgesamt dürfte die Dämpfung der deutschen Konjunktur in den Monaten nach dem sehr guten ersten Quartal moderat ausfallen", kommentierte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Auch aus Sicht vieler Bankvolkswirte deutet die Ifo-Umfrage darauf hin, dass sich die Wirtschaft hierzulande in einem deutlich robusteren Zustand als die meisten anderen europäischen Volkswirtschaften befindet. Als "ziemlich unverwüstlich" bezeichnen etwa die Ökonomen von Lehman Brothers die deutsche Wirtschaft. Obwohl im zweiten Quartal ein Rückprall erwartet werde, sei der zugrunde liegende Zustand gesund. "Aber auch wenn Deutschland besser mit dem gegenwärtig schwierigen globalen Umfeld zurecht kommt, und die Euro-Zone wahrscheinlich in diesem Jahr übertreffen wird, bezweifeln wir, dass das Land eine Abkühlung verhindern kann", kommentierten die Experten.
Trotz des insgesamt gestiegenen Indikators deutet auch die Ifo-Umfrage auf eine leichte Abschwächung der Wirtschaftsentwicklung hin. So werden die Chancen im Exportgeschäft zwar weiter als "gut" eingeschätzt, schreibt das Institut - allerdings seien sie nicht mehr ganz so optimistisch wie im Vormonat. Diese Rückmeldungen liefern deutsche Unternehmen auch dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (siehe "Reformen haben keine Konjunktur").
Auch wenn sich das Wachstumstempo in den kommenden Monaten verlangsamen sollte, steht eines schon jetzt fest: Der Aufschwung dauert ungewöhnlich lange. Die deutsche Wirtschaft habe bereits zur Jahreswende 2006/2007 ihren Wachstumshöhepunkt überschritten, schreibt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, in seinem Konjunkturblog für das Handelsblatt. Im Durchschnitt der zehn Abschwünge in den vergangenen 40 Jahren sei das Wachstum bereits vier Quartale nach Überschreiten des Höhepunkts deutlich unter das "Normalwachstum" gefallen. "Demnach hätte das Wachstum diesmal bereits im vierten Quartal 2007 unterdurchschnittlich ausfallen müssen, wozu es ja nicht gekommen ist", schreibt er mit Blick auf das starke erste Quartal. Das spreche dafür, dass der deutschen Wirtschaft eine "weiche Landung" gelingen könnte.
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