Handelsblatt, 21./22./23.11.2008, Nr. 227, S. 4
MÜNCHEN. Experten sehen die Wirtschaft im Sog der Finanzkrise weltweit in eine Rezession steuern. Das Ifo-Weltwirtschaftsklima als wichtiges Stimmungsbarometer fiel auf den tiefsten Stand seit mehr als 20 Jahren. "Insgesamt deuten die erhobenen Daten auf eine globale Rezession hin", erklärte der Chef des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, am Donnerstag. Auch der deutsche Bankenverband und die Bundesbank gaben einen düsteren Ausblick und erwarten herbe Dämpfer für die exportorientierte deutsche Wirtschaft.
"Der Rückgang der Auslandsnachfrage trifft die deutsche Wirtschaft stärker als andere", sagte der Geschäftsführende Vorstand des Bankenverbandes, Manfred Weber. Er geht nicht von einer raschen Verbesserung der Konjunktur in Deutschland aus. "Derzeit müssen die Risiken einer weiteren Verschlechterung höher eingeschätzt werden als die Chancen einer zügigen Erholung." Auch Experten der Bundesbank schrieben in ihrem Monatsbericht für November, der deutliche Rückgang der Rohstoffpreise werde nicht ausreichen, um die Konjunkturperspektiven in den kommenden Monaten aufzuhellen. Die exportstarke deutsche Wirtschaft werde die Nachfrageschwäche in wichtigen Absatzregionen "nicht ohne einen empfindlichen Rückschlag wegstecken können, zumal nennenswerte binnenwirtschaftliche Impulse kurzfristig nicht zu erwarten sind", hieß es. Ein Lichtblick sei der weitgehend stabile Arbeitsmarkt, das Konsumklima in Deutschland sei aber nach wie vor gestört. Bankenverbandschef Weber forderte, das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Beschäftigungssicherung müsse nachgebessert werden.
Der Ifo-Index für das Weltwirtschaftsklima fiel zum fünften Mal in Folge und liegt im vierten Quartal bei 60 Punkten. Vor allem die derzeitige wirtschaftliche Lage, aber auch die Erwartungen für die kommenden sechs Monate wurden von den befragten 1 000 Experten aus 91 Ländern ungünstiger bewertet. Der Index zu den Aussichten fiel um fast neun Punkte auf 52,6 Zähler und ist damit auf dem schlechtesten Stand seit 20 Jahren, sagte Ifo-Experte Gernot Nerb. "Auf jeden Fall signalisieren die Erwartungen, dass wir den Tiefpunkt bei der Lage noch nicht erreicht haben", sagte er. Nicht nur in Nordeuropa, Westeuropa und Asien habe sich die Stimmung verschlechtert, sondern auch in Mittel- und Osteuropa, Russland, Lateinamerika und Australien, hieß es.
In den USA schlägt die schlechte Konjunktur bereits voll auf den Arbeitsmarkt durch: Dort haben sich so viele Menschen arbeitslos gemeldet wie seit 16 Jahren nicht mehr. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stieg in der Woche bis 15. November auf 542 000, wie das US-Arbeitsministerium am Donnerstag mitteilte. HB/ap/Reuters
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: