Handelsblatt, 18./19./20.04.2008, Nr. 76, S. 4
DONATA RIEDEL | BERLIN DORIT HESS | FRANKFURT Die führenden Ökonomen in Deutschland rechnen nicht mit einer dauerhaft hohen Inflation. "Ich denke, dass der Höhepunkt jetzt erreicht ist, und sich spätestens im vierten Quartal die Preissteigerungsraten normalisieren werden", sagte der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard dem Handelsblatt. Er schloss sich damit den Erwartungen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute an, die in ihrem Frühjahrsgutachten ebenfalls von einem Rückgang der Inflationsraten zum Jahresende ausgehen. Nach ihrer Prognose, die gestern veröffentlicht wurde, wird der Anstieg der Verbraucherpreise 2008 im Jahresdurchschnitt 2,6 Prozent betragen und 2009 wieder mit 1,8 Prozent im Normalbereich liegen - allerdings unter einer Voraussetzung, dass die Tarifpartner bei den Löhnen nicht das Maß verlieren.
Oberhalb einer Inflationsrate von drei Prozent, die momentan erreicht ist, bestehe die Gefahr, dass eine Lohn-Preis-Spirale entsteht. "Ich glaube noch nicht, dass sie schon in Gang ist, aber die Gefahr ist da", sagte Konjunkturexperte Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Im Frühjahrsgutachten setzen die Ökonomen ihr Vertrauen in die Europäische Zentralbank. Sie loben die EZB ausdrücklich dafür, dass sie die Zinsen trotz der Finanzmarktkrise nicht gesenkt hat.
Bundesbank-Präsident Axel Weber äußerte sich deutlich pessimistischer als die Wissenschaftler - bezog sich dabei aber nicht nur auf Deutschland, sondern auf die Inflationszahlen für die gesamte Euro-Zone. Der Inflationsdruck in Euroland dürfte noch länger andauern. Er sehe das Risiko, dass die Teuerung in diesem Jahr noch lange über drei Prozent bleiben könnte und 2009 erst allmählich in Richtung des Stabilitätsziels der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp unter zwei Prozent fallen werde. "Meine Arbeitshypothese ist für dieses Jahr, dass die Inflationsrate in diesem Jahr erst gegen Ende des Jahres unter drei Prozent fallen wird", sagte Weber, der dem geldpolitischen Rat der EZB angehört. Im März hatte die Jahresinflationsrate im gesamten Währungsgebiet bei 3,6 Prozent gelegen. Vor dem Hintergrund der starken Preiserhöhungen bei Energie und Nahrungsmitteln kündigte er eine neue Inflationsprognose durch die EZB an. Der Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise sei hartnäckiger als erwartet.
Wiegard begründete seine Erwartung, dass zumindest in Deutschland die Inflationsrate etwas eher zurückgehen dürfte, damit, dass die Preissteigerungen großenteils auf Einmal-Effekten beruhten. "Der Effekt der Mehrwertsteuererhöhung dürfte auslaufen. Auch die Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Energie werden bei einer sich leicht abkühlenden Weltkonjunktur an Dynamik verlieren", sagte er. Einfluss nehmen auf die Inflation könne gegenwärtig allein die EZB über die Zinspolitik. Die Bundesregierung könne hingegen aktuell nichts gegen die Inflation tun. "Die Preissteigerungen beruhen auf einer höheren Nachfrage weltweit und liegen damit außerhalb der Handlungsmöglichkeiten einer deutschen Regierung", sagte er.
Bei den Wachstumserwartungen für Deutschland dagegen sind sich die Ökonomen offenbar alle einig. Auch Weber unterstützte gestern die Annahme der Institute, dass die Finanzmarktkrise Deutschland aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in die Rezession drücken werde (siehe Handelsblatt vom 17.4.2008). Die Bedingungen für einen Wirtschaftsaufschwung hier zu Lande stimmten nach wie vor, so Weber. Er rechne 2008 wie gehabt mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 1,9 Prozent. Die Institute erwarten 1,8 Prozent, die Bundesregierung 1,7 Prozent. 2009 rechnen die Institute allerdings mit einem weiteren Rückgang des Wirtschaftswachstums auf 1,4 Prozent.
Die Bundesregierung wird nach Informationen aus Regierungskreisen ihre Prognose für 2008 stabil halten und für 2009 absenken. Die Koalition habe dafür gesorgt, dass die Prognosen der Forschungsinstitute zeitnäher und präziser ausfallen - deshalb werde man ihnen jetzt auch glauben, hieß es in den Kreisen. "Wir sagen zudem seit längerem, dass wir uns eher am unteren Rand bewegen", hieß es weiter. Eine Prognose für 2009 über 1,4 Prozent ist damit unwahrscheinlich.
Bei der Steuerschätzung im Mai wird sich die niedrigere Wachstumsprognose für 2009 wohl nur wenig auswirken: Die Steuerschätzer kalkulieren mit dem nominalen Bruttoinlandsprodukt, das nicht inflationsbereinigt ist. Die hohe Inflationsrate dürfte dazu führen, dass die Annahme eines nominalen Wachstums von 2,75 Prozent gehalten werden kann. "Die Steuerschätzung wird wenig Überraschungen bringen", hieß es in Regierungskreisen.
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