Handelsblatt, 18.12.2009
DÜSSELDORF. Markante Tiefs des Ifo-Geschäftsklimaindexes sind in der Regel Auftakt für eine mehrjährige Börsen-Hausse. Umgekehrt gibt ein extrem hohes Ifo-Niveau das Signal für eine Baisse, wie Untersuchungen belegen. Daraus folgt: Der monatliche Frühindikator Ifo und seine neuen Zahlen am heutigen Freitag finden in der Börse einen zuverlässigen und noch früheren Frühindikator.
Als der Ifo-Index im vergangenen Jahr unter die Marke von 85 Punkten fiel und damit auf tiefes Rezessionsniveau einschwenkte, war das für Börsianer die Steilvorlage für das baldige Ende der Talfahrt und Beginn einer Hausse. Denn jedes Mal, wenn der Ifo-Index ein solch niedriges Niveau erreicht hatte, notierten die Aktienkurse in den Folgejahren deutlich höher. "Anfangs glauben zwar viele, dass die steigenden Kurse fundamental nicht unterlegt sind. Doch solch eine angebliche Erwartungsblase fürchten Akteure jedes Mal", sagt Andreas Hürkamp von der Commerzbank.
Am besten ist die Performance, wenn Anleger ein paar Monate nach einem Ifo-Tief einsteigen und mindestens zwei oder drei Jahre dabeibleiben. Doch auch schon zwölf Monate später ergibt sich schon ein ansehnliches Plus. Dieses Mal notierte der Dax zwölf Monate nach dem Ifo-Tief neun Prozent höher. Bis gestern stieg das Plus auf ansehnliche 19 Prozent.
Auf der anderen Seite gilt, dass Ifo-Höchststände für die Börse ein Alarmsignal erster Güte sind. Die Aktienkurse kippen nicht sofort, aber stets nach einigen Monaten. Solch eine Verzögerung bietet also noch genug Zeit zum rechtzeitigen Ausstieg. Markantes Beispiel dafür ist der Weltwirtschaftsboom zwischen 2004 und 2007. Der viel beachtete Konjunkturindex stieg 2006 von einem Hoch zum nächsten. Im Februar 2006 beurteilten die 7 000 befragten deutschen Unternehmen ihre Situation so euphorisch wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Konsequenz damals: Die Aktienkurse knickten kurzzeitig ein.
Erst als der Ifo-Index anschließend nicht sofort weiter fiel, sondern noch monatelang auf extrem hohem Niveau verharrte, erholten sich die Börsenkurse wieder ein wenig. Die Wirtschaft boomte immer kräftiger; ganz besonders die vielen deutschen exportorientierten Firmen profitierten vom investitionsgetriebenen Aufschwung der Weltwirtschaft und ihrer starken Präsenz in den Schwellenländern. Die Unternehmensgewinne und-margen stiegen von Rekord zu Rekord. Dennoch: Ordentliche Kursgewinne fuhren Anleger seit dem Ifo-Hoch nicht mehr ein. Diese ergaben sich nur vor und während des Ifo-Anstieges.
Seit 1972 misst das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung das Geschäftsklima in Deutschland. Monat für Monat befragen die Wissenschaftler dafür die Firmen nach ihrer gegenwärtigen Geschäftslage und ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate. Damit ist der Index klar in die Zukunft gerichtet. "Doch für die Börse ist das nur ein Blick in den Rückspiegel", sagt Commerzbank-Volkswirt Hürkamp.
Marktteilnehmer versuchen stets, noch viel weiter in die Zukunft zu blicken. Nach dem Prinzip, dass jedem Boom irgendwann ein Abschwung und jeder Flaute ein neuer Aufschwung folgt, setzen Börsianer bei einem Spitzen-Ifo-Niveau darauf, dass die nächste Flaute nicht mehr weit weg sein kann. Umgekehrt implizierte die extrem pessimistische Stimmung, wie im vergangenen Winter, dass dem freien Fall der Wirtschaft ein Aufschwung folgen wird.
Ähnlich wie Börsianer sich diesen Effekt zwischen ständigem Auf und Ab des Ifo-Indexes und der Wirtschaft durch Kaufen und Verkaufen zunutze machen, können auch Unternehmen von der Reaktion an den Aktienmärkten profitieren. Denn immer wenn die Börsen nach einem extremen Ifo-Hoch beständig fielen, resultierte daraus ein Jahr später ein deutlich niedrigeres Ifo-Niveau und damit am Ende auch eine schwächere Konjunktur - also miese Aufträge, Umsätze und Gewinne.
Konjunkturempfindliche Unternehmen wie der Kosmetikhersteller Henkel, der Mischkonzern Siemens und der Lkw-Bauer MAN stießen deshalb schon im vergangenen Boom umfangreiche Sparprogramme an - und fahren so in diesem Jahr die Ernte ein.
Obwohl Aufträge und Umsätze sehr viel stärker fielen als im Miniabschwung 2001/02, brechen den Firmen die Gewinne und Margen diesmal weniger stark weg. Grund dafür war ein rechtzeitiges und antizyklisches Gegensteuern auf der Kostenseite, als der Ifo-Index noch strammes Wachstum signalisierte.
Wer beim Wechselspiel zwischen Ifo und Börse auf Nummer sicher gehen will, bezieht das Wachstum der Geldmenge mit ein. Die Geldmenge M 1, also Sichteinlagen und damit das täglich verfügbare Geld, ist ein zuverlässiger und zugleich sehr früher Vorlaufindikator für die Konjunktur. Das zeigen Untersuchungen seit 1985.
Im vergangenen Jahr fiel das Wachstum der Geldmenge rapide. Prompt fiel ein halbes Jahr später der Ifo-Index auf sein Tief - und mit ihr die Konjunktur.
Aktuell wächst M 1 um 13 Prozent, im Vormonat um 14 Prozent, was dem 20-Jahreshoch sehr nahe kommt. Solch ein immenses Geldmengenwachstum führte in der Vergangenheit anschließend stets zu Ifo-Niveaus von mehr als 100 Punkten und damit einer kräftigen Konjunkturbelebung.
Natürlich gibt es auch diesmal wieder viele Gründe, warum die drei steigenden Konjunkturindikatoren Aktien, Geldmenge und Ifo allesamt falsche Signale für die Konjunktur senden könnten. Doch so unterschiedlich diese Gründe in jedem Zyklus auch immer waren, eines stimmte zumindest in der Vergangenheit immer: Signalisierten alle drei Indikatoren eine prosperierende Wirtschaft, dann wuchs diese am Ende auch tatsächlich. Und sei es nur, weil sich die Prophezeiung erfüllte.
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