Handelsblatt, 18.10.2007, Nr. 201, S. 1
Der Aufschwung in Deutschland erweist sich trotz der jüngsten Finanzmarktturbulenzen als unerwartet stabil. Auch bei einer sich abschwächenden Weltkonjunktur werde er nicht abbrechen, schreiben die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Gemeinschaftsdiagnose. "Selbst in einem Szenario, in dem gleichzeitig die Immobilienpreise in den USA weiter einbrechen, die Aktienkurse in den Industrieländern kräftig sinken und der Euro erheblich aufwertet, wären die Effekte wohl nicht so groß, dass mit einer Rezession in Deutschland zu rechnen wäre", heißt es in dem Gutachten, das heute veröffentlicht wird und dem Handelsblatt bereits vorliegt. Die Institute rechnen für 2007 mit einem Wachstum von 2,6 Prozent und für 2008 mit 2,2 Prozent.
Ein derartiges Negativ-Szenario halten die Gutachter allerdings für unwahrscheinlich. Sie erwarten, dass sich die Weltkonjunktur nur leicht abkühlt. Zu dieser Einschätzung kommt auch der Internationale Währungsfonds (IWF). Der Fonds sagt für die von der Immobilienkrise erschütterte US-Wirtschaft zwar nur 1,9 Prozent Wachstum in diesem wie auch im kommenden Jahr voraus - dies wäre der schwächste Anstieg seit fünf Jahren. Die Dynamik der Schwellenländer werde dieser Entwicklung aber entgegenwirken. Zu den Konjunkturlokomotiven zählt der IWF in diesem Jahr China mit zehn Prozent sowie Indien mit 8,4 Prozent und Russland mit 6,5 Prozent Wachstum. Die Exportnachfrage aus diesen Ländern gliche die US-Schwäche aus, prognostiziert der Europa-Chefökonom von Barclays Capital, Julian Callow.
Von der Auslandsnachfrage dürfte die deutsche Wirtschaft erheblich profitieren. So geht etwa aus einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages hervor, dass deutsche Unternehmen in den kommenden Monaten mit anziehenden Exportgeschäften rechnen.
Die tragende Stütze der hiesigen Konjunktur dürfte dem Herbstgutachten zufolge im kommenden Jahr aber der private Verbrauch sein. Das verfügbare Einkommen werde dank der Lohnerhöhungen, wieder steigender Renten und sinkender Arbeitslosigkeit höher liegen als in den Vorjahren. Die Institute erwarten, dass der Konsum 2008 um 1,9 Prozent zulegen wird. Eine wichtige Voraussetzung dafür scheint erfüllt: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland wird sich den Gutachtern zufolge weiter reduzieren - allerdings langsamer als 2007.
Auch die Volkswirte der Allianz und Dresdner Bank schreiben in ihrem jüngsten Konjunkturbericht, dass sich nach der Verschnaufpause in diesem Jahr der private Verbrauch 2008 "zum Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft entwickeln wird". Die Bankökonomen erwarten sogar einen Anstieg um mehr als zwei Prozent und damit das kräftigste Plus seit dem Boomjahr 2000.
Die privaten Bauinvestitionen dürften die Konjunktur ebenfalls stützen: Nachdem der Eigenheimbau mit der Abschaffung der Eigenheimzulage eingebrochen war, dürfte er 2008 wieder anziehen.
Erstmals seit dem ersten Gutachten im Jahr 1950 hatte die Bundesregierung die Prognose für diesen Herbst international offen ausgeschrieben. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das bereits seit der ersten Veröffentlichung des Gutachtens zu den Autoren gezählt hatte, gehörte in diesem Herbst erstmals nicht mehr dazu, legte aber zu Wochenbeginn eine eigene Herbstprognose vor. Darin bescheinigte die Berliner Denkfabrik der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone gute Wachstumsaussichten. Diese seien "vor allem durch die Stärkung der Binnennachfrage begründet".
Als dämpfende Konjunkturfaktoren listen die Autoren der anderen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten die zu Jahresbeginn erhöhte Mehrwertsteuer, den Ölpreisanstieg, den starken Euro und die jüngsten Finanzmarktturbulenzen auf. Dass sich die konjunkturelle Dynamik im zurückliegenden ersten Halbjahr gegenüber dem hohen Tempo des Vorjahres abgeschwächt hatte, sei auf die restriktive Finanzpolitik zurückzuführen. Der Kaufkraftentzug sei infolge der Anhebung der Mehrwertsteuer zunächst "beträchtlich" gewesen.
Die Wirtschaftsforscher geben in ihrem Gutachten auch einen Hinweis auf die Unsicherheit, mit der ihre Konjunkturprognose behaftet ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Wachstumserwartungen eintreten, beziffern sie selbst mit 68 Prozent.
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