Handelsblatt, 16./17./18.05.2008, Nr. 94, S. 3
DORIT HESS | FRANKFURT Die deutsche Wirtschaft hat mit ihrem starken Wachstum im ersten Quartal für eine große Überraschung gesorgt. Die Fragen nach den Ursachen für das deutliche Plus sind allerdings offen. Details werden die Statistiker erst am 27. Mai vorlegen. Diese dürften aus Sicht des Konjunkturchefs des Münchener Ifo-Instituts, Kai Carstensen, erklären, wie sich alle Volkswirte landauf, landab derart verschätzen konnten - und mehr über die Aussichten für die kommenden Monate verraten.
Mehrheitlich hatten Volkswirte einen Anstieg des BIP um 0,7 Prozent im Vorquartalsvergleich vorhergesagt - und damit weniger als die Hälfte der tatsächlichen Zuwachsrate prognostiziert. Am nächsten an der amtlichen Zahl lag noch der Handelsblatt-Barclays-Indikator mit 0,9 Prozent.
Warum die Experten das Wachstum derart unterschätzt hatten, konnten sie selbst nicht erklären. Das Wachstum zeige, dass die deutsche Wirtschaft stärker und widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks geworden sei, kommentierte Holger Schmieding von der Bank of America. Allerdings überzeichne die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im ersten Quartal das Trendwachstum erheblich. "Im zweiten Quartal könnte das BIP bereits womöglich fallen", so Schmieding.
Das Amt hatte geschrieben, dass das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal sowohl von der inländischen Verwendung als auch vom Außenhandel getragen worden sei. Vom Außenbeitrag seien positive Wachstumsimpulse allerdings nur im Vorjahresvergleich gekommen.
"Von hohen Exportzuwächsen muss man sich wohl vorläufig verabschieden, denn die Exporte zehrten noch von den starken Auslandsaufträgen aus dem letzten Jahr", kommentierte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Die Abschwächung der Weltwirtschaft treffe nun die deutschen Exporteure - das sehe man an den Auftragseingängen aus dem Ausland, die im ersten Quartal sanken.
In geringerem Maße haben nach Angaben der Statistiker auch die Konsumausgaben nach dem starken Rückgang Ende 2007 zugelegt. Vor allem aber die Bruttoinvestitionen hätten im Vergleich zum vierten Quartal 2007 als auch im Vorjahresvergleich zulegen können. Dass sich dahinter ein deutlicher Anstieg der Bauproduktion verbirgt, ist laut Carstensen angesichts des milden Wetters zu Jahresbeginn sicher. Zudem könnten entweder die Vorräte oder die Anlageinvestitionen hoch ausgefallen sein. "Wenn die Anlageinvestitionen hoch ausfielen, spricht das für einen anhaltenden Konjunkturboom. Wenn die Läger voll waren, was ich für wahrscheinlicher halte, wird die Produktion im zweiten Quartal nachlassen", argumentierte Carstensen. Darauf hatte auch der Geschäftsklimaindex des Institutes zuletzt hingedeutet: Er war nach drei Anstiegen im April deutlich gesunken.
Auch Daten und Stimmen aus der Realwirtschaft signalisieren, dass sich das Wachstum in den kommenden Monaten abschwächen wird - wenn auch auf hohem Niveau. "In den ersten vier Monaten liefen die Geschäfte für uns im In- und Ausland, vor allem dank der Nachfrage aus den Schwellenländern, sehr gut", sagte ZF-Friedrichshafen-Vorstandsmitglied Wolfgang Vogel dem Handelsblatt. Im Bereich Nutzfahrzeuge etwa sei der Umsatz um 20 Prozent gestiegen. "Diese Dynamik wird sich im Jahresverlauf allerdings abschwächen: Wir gehen davon aus, dass wir im Jahresdurchschnitt nur moderat über dem Niveau des Vorjahres liegen."
Auch die gesamten Maschinen- und Anlagenbauer verzeichneten mit einem Produktionszuwachs von mehr als sieben Prozent ein starkes erstes Quartal, sagte der Chefvolkswirt des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Ralph Wiechers, dem Handelsblatt. "Wir rechnen auch im restlichen Jahresverlauf mit positiven Zuwachsraten - allerdings werden sie in der Tendenz kleiner ausfallen", so Wiechers. Während einige Bereiche wie die Hersteller von Bergbaumaschinen von der Nachfrage aus den Rohstoffförderländern profitierten, seien die Unternehmen der zyklischen Industrie von dem Abflauen der Weltwirtschaft betroffen.
Belastend wirken in den kommenden Monaten die schwache US-Wirtschaft, der hohe Euro und das sich abschwächende weltwirtschaftliche Umfeld, kommentierten Volkswirte.
Auch aus Unternehmenssicht lasten mehrere Faktoren auf den Unternehmen: "Die Preise für Treibstoff und Rohmaterialien ziehen an, das schwächt die Nachfrage", sagte ZF-Friedrichshafen-Vorstandsmitglied Vogel. "Nachdem die Auftragseingänge zu Jahresbeginn noch deutlich gestiegen sind, rechnen wir damit, dass sich der Zuwachs in den kommenden Monaten abschwächen wird und wir im Gesamtjahr auf dem Niveau des Vorjahres bleiben."
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: