Handelsblatt, 16.12.2009, Nr. 249, S. 16
Axel Schrinner Düsseldorf Der Reihe nach erhöhen die Wirtschaftsforscher nun ihre Wachstumsprognosen für das kommende Jahr - doch einen kräftigen Aufschwung trauen sich bislang nur einige Bankvolkswirte Deutschland vorherzusagen. Nach Einschätzung von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn bewegt sich die deutsche Wirtschaft "auf dünnem Eis". Ein selbsttragender Aufschwung sei nicht in Sicht. "Wir sind von der Klippe abgestürzt, liegen am Boden und krabbeln jetzt auf allen Vieren wieder hoch." Für das kommende Jahr rechnet Ifo mit einem Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent; 2011 könnte die Wirtschaftsleistung dann um 1,2 Prozent wachsen.
Einen Tick vorsichtiger äußerte sich gestern das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut. Auch die Euphorie der vom ZEW befragten Finanzmarktprofis hält sich in Grenzen. Demgegenüber prognostiziert Barclays Capital für Deutschland 2,4 Prozent Wachstum in 2010.
Wie das ZEW mitteilte, trübte sich die Konjunkturzuversicht deutscher Finanzexperten im Dezember den dritten Monat infolge leicht ein. Die ZEW-Konjunkturerwartungen sanken um 0,7 auf 50,4 Punkte. Die Beurteilung der aktuellen Lage hellte sich dagegen um fünf auf minus 60,6 Punkte auf.
"Wir sind nach wie vor in einem Rezessionstal", sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. "Im nächsten Jahr werden wir eine Erholung, aber keinen Aufschwung bekommen." Ökonomen begründen ihre Zurückhaltung für 2010 zum einen damit, dass viele Stützungsfaktoren bereits ausgelaufen sind oder bald auslaufen. Zudem hätten jüngst enttäuschende Zahlen aus der deutschen Industrie den wackligen Aufschwung verdeutlicht.
Schulden besser als Scherben Ifo-Chef Sinn warnte davor, die Konjunkturprogramme zu früh zu beenden. Durch die Staatshilfen sei ein noch schlimmerer Einbruch verhindert worden. "Wir können nicht aufhören mit dem Schuldenmachen im nächsten Jahr, weil wir dann die Wirtschaft abwürgen würden." Es sei besser, der nächsten Generation Schulden zu hinterlassen als einen Scherbenhaufen.
Für das Mutterland der Finanzkrise rechnet Ifo mit einem Rückschlag im nächsten Winter: Nachdem die US-Wirtschaftsleistung 2010 angetrieben von Konjunkturprogrammen um 1,9 Prozent wachsen dürfte, erwarten die Ökonomen im ersten Quartal 2011 ein schrumpfendes BIP. Im Gesamtjahr 2011 werde die weltgrößte Volkswirtschaft lediglich 0,3 Prozent wachsen; die Arbeitslosenquote steige auf zehn Prozent im Jahresschnitt.
Gestern gab es gemischte US-Konjunkturnachrichten: Während die Industrieproduktion mit einem Plus von 0,8 Prozent im November positiv überraschte, enttäuschten die Geschäftsaussichten des Verarbeitenden Gewerbes: Der Empire-State-Index sank von 23,5 Punkten im Vormonat auf 2,55 Punkte. Das war der stärkste Rückgang seit Beginn der Erhebungen.
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