Handelsblatt, 13./14./15.07.2007, Nr. 133, S. 6
Nach einem unerwartet guten Jahresstart sind die Aussichten für die Wirtschaft der Euro-Zone vielversprechend. Das lässt sich an gestern vorgelegten Daten und Prognosen europäischer Statistiker, Wirtschaftsforschungsinstitute und der Europäischen Zentralbank (EZB) ablesen.
Zu Jahresbeginn war das Bruttoinlandsprodukt im Währungsraum um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen. Diese endgültigen Angaben machte die Statistikbehörde Eurostat und korrigierte damit ihre bisherige Angabe leicht nach oben. Verglichen mit dem Vorjahresquartal legte die Euro-Zone um 3,1 Prozent zu.
Dieses hohe Tempo wird im weiteren Jahresverlauf anhalten, erwarten Konjunkturbeobachter. Wie im ersten Vierteljahr werde der Euro-Raum in allen weiteren drei Quartalen stets um 0,7 Prozent und im Gesamtjahr um drei Prozent zulegen, prognostizieren das Münchener Ifo-Institut, die französische Statistikbehörde Insee und das italienische Institut Isae im „Economic Outlook", ihrer gemeinsamen Konjunkturprognose. Die EU-Kommission erwartet für das zurückliegende zweite Quartal, für das noch keine amtlichen Daten vorliegen, sowie das dritte Quartal einen Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von je 0,4 bis 0,8 Prozent. Am Jahresende rechnet sie mit einer Spanne zwischen 0,3 und 0,8 Prozent.
„Die Aussichten für die Wirtschaft im Euro-Währungsgebiet bleiben günstig und spiegeln ein positives Umfeld für die Inlands- und Auslandsnachfrage wider", schreibt auch die EZB in ihrem gestern veröffentlichten Monatsbericht. Als Kernursache dafür macht sie die Investitionstätigkeit aus: Die dürfte, beflügelt durch günstige Finanzierungsbedingungen, die gute Ertragslage der Unternehmen und Effizienzsteigerungen auf Unternehmensebene, „dynamisch" bleiben.
Europas Konjunktur-Motor läuft derzeit auf so hohen Touren, dass auch der Arbeitsmarkt der Region ungeahnt stark profitiert: Die Arbeitslosenquote sank im Mai in der Euro-Zone auf sieben Prozent - laut EZB ein „historisch niedriges Niveau". Sie sei zuletzt 1980 so gering gewesen. Der Umfang der neuen Stellen ließ von April bis Mai allerdings nach, zeigen absolute Zahlen: Die Zahl der Arbeitslosen sank um rund 96 000 - und damit viel schwächer als im Durchschnitt der ersten drei Monate um 190 000, rechnen die EZB-Volkswirte vor.
Dank der steigenden Beschäftigtenzahl dürfte auch der private Konsum nach einer Stagnation im ersten Quartal „seinen Beitrag zum Aufschwung leisten", schreiben Ifo, Isae und Insee. „Aufgrund der positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt und des hohen Verbrauchervertrauens in der Euro- Zone wird der Konsum im zweiten Quartal um 0,8 Prozent und im dritten und vierten Quartal um jeweils 0,7 Prozent wachsen." Zeitgleich blieben die Anlageinvestitionen „Triebkraft des Aufschwungs". Insgesamt würden die Bruttoanlageinvestitionen 2007 um 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen. Die Beschleunigung im Schlussquartal erklären sich die Ökonomen durch das Auslaufen von Abschreibungsvergünstigungen in Deutschland zum Jahresende, die zu Vorzieheffekten führen dürften.
In der größten Volkswirtschaft des Währungsgebietes dürfte der Aufschwung in diesem Jahr insgesamt kräftig bleiben, 2008 aber an Fahrt verlieren, prognostizieren das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) sowie das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), die gestern ihre Konjunkturprognosen für Deutschland vorlegten. Mit 2,6 Prozent Wachstum rechnet das gewerkschaftsnahe IMK, mit 2,8 Prozent das IWH für 2007. Dass das Tempo 2008 nachlassen dürfte, erwarten beide Institute - über die Höhe des Tempoverlustes sind sie sich aber uneinig: Während die Hallenser mit 2,6 Prozent immer noch optimistisch sind, rechnet das Düsseldorfer IMK nur noch mit einem Zuwachs um 1,9 Prozent. Ausschlaggebend für den Pessimismus der IMK-Ökonomen sind geringere positive Effekte, die sie von den Investitionen und der Außenwirtschaft erwarten.
Spätestens im Herbst müssen sich die Konjunkturexperten der beiden Denkfabriken einigen: Dann bilden sie gemeinsam mit dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wien) eines der Konsortien, die ein Gutachten für die Bundesregierung vorlegen - und darin eine gemeinsame Konjunkturprognose abgeben müssen.
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