Handelsblatt, 13.11.2008, Nr. 221, S. 7
FRANKFURT.Die Stimmung in der Euro-Zone ist auf ein so niedriges Niveau gesackt wie zuletzt Anfang der 90er-Jahre. Damals befand sich das Währungsgebiet in einer Rezession. Der Rückgang im laufenden vierten Quartal war bereits der fünfte in Folge. Im vergangenen Herbst hatte der Indikator noch bei mehr als 110 Punkten gelegen. Inzwischen rutschte er auf 50,9 Punkte nach 61,9 Zählern im vorherigen Quartal ab.
Das Barometer basiert auf einer vierteljährlich erhobenen Umfrage des Münchener Ifo-Instituts und der Internationalen Handelskammer (ICC) in Paris unter Konjunkturexperten aus multinationalen Unternehmen und international agierenden Institutionen. Im Juli wurden mehr als 250 Konjunkturbeobachter befragt. Ihre Einschätzungen sind Teil einer Umfrage über die Weltkonjunktur, die in der kommenden Woche veröffentlicht wird.
Vor allem die gegenwärtige Lage schätzten die Befragten im vierten Quartal sehr ungünstig ein. Der entsprechende Index brach um mehr als 20 Punkte ein im Vergleich zum dritten Quartal. Die Aussichten trübten sich weniger deutlich, liegen allerdings bereits auf einem sehr geringen Niveau. "Die Erwartungen für die nächsten sechs Monate bleiben nahezu unverändert pessimistisch", kommentierte der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Der Abschwung im Währungsgebiet werde sich demnach weiter fortsetzen.
Unterfüttert wurden die Umfrageergebnisse gestern durch harte Daten: Die Industrieproduktion im Euro-Raum war im September kräftig gesunken und hat damit den Anstieg aus dem Vormonat mehr als zunichte gemacht. Die Industrieproduktion ohne Baugewerbe sank gegenüber dem Vormonat um 1,6 Prozent, nachdem sie im August gegenüber Juli noch um revidiert 0,8 Prozent gewachsen war. Das meldete das europäische Statistikamt. Damit ging die industrielle Erzeugung im Währungsgebiet im gesamten dritten Quartal zurück.
Die Konjunkturdaten stützten die Prognose vieler Volkswirte, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euro-Raum im dritten Quartal geschrumpft sein dürfte. Am morgigen Freitag veröffentlicht Eurostat eine erste Schätzung darüber, wie sich das BIP tatsächlich entwickelt hat. Daten über die Entwicklung des BIP in der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone gibt das Statistische Bundesamt heute bekannt. Unter Ökonomen herrscht breiter Konsens: Das deutsche BIP dürfte von Juli bis September gesunken sein.
Einen Hoffnungsschimmer sehen die vom Ifo-Institut befragten Konjunkturexperten aber doch: Die Inflationsrate dürfte im Laufe der kommenden sechs Monate weiter zurückgehen. Im Oktober lag sie vorläufigen Angaben zufolge bei 3,2 Prozent. Einen endgültigen Wert veröffentlichen die europäischen Statistiker ebenfalls am Freitag.
Auch die Leitzinsen dürften aus Sicht der Experten im Laufe der nächsten sechs Monate weiter gesenkt werden. Die europäischen Notenbanken hatten zuletzt auf die heraufziehende Rezession mit deutlichen Maßnahmen reagiert: Die Bank von England hatte ihren Leitzins um 1,5 Prozentpunkte auf drei Prozent gesenkt, die Europäische Zentralbank (EZB) hatte ihren Leitzins um einen halben Punkt auf 3,25 Prozent reduziert. doh
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