Handelsblatt, 08.06.2009, Nr. 107, S. 9
Mit Sorge verfolgen wir, 188 Professoren und Forscher der Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftswissenschaften, die Bestrebungen einiger unserer Kollegen, für eine Zementierung international nicht wettbewerbsfähiger Strukturen an deutschen VWL-Fakultäten zu argumentieren und den Blick der Öffentlichkeit auf den nützlichen Beitrag unserer Wissenschaft für die Lösung der drängenden Probleme zu verstellen. Dazu wird ein Zerrbild moderner ökonomischer Forschung gezeichnet.
In dem am 5. Mai dieses Jahres in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschienenen Aufruf "Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!" wird etwa der Vorwurf erhoben, dass "in der volkswirtschaftlichen Theorie die Tendenz" vorherrsche, "aus jeweils gewählten Annahmen logische Schlussfolgerungen abzuleiten", die "für die Analyse realweltlicher Wirtschaftspolitik wenig geeignet" seien. Es wird weiter behauptet, dass "auch in anderen Ländern (. . .) immer mehr Ökonomen die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz" opferten und "sich aus der Wirklichkeit" zurückzögen.
Daraus wird der Schluss gezogen, das Fach Volkswirtschaftslehre vernachlässige "zunehmend den Beitrag, den es zur Lösung praktischer wirtschaftspolitischer Probleme leisten könnte". Deshalb, so der Aufruf, müssten "Professuren für Wirtschaftspolitik (. . .) unabdingbarer Bestandteil der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Lehre bleiben".
Mit diesem Aufruf wenden wir uns gegen das so gezeichnete Zerrbild der modernen Ökonomik als reiner Wirtschaftslogik. Mit diesem Aufruf wenden wir uns aber auch gegen die weitere und international nicht übliche Zementierung der nicht fruchtbaren Trennung an deutschen Fakultäten zwischen "Wirtschaftstheorie" und "Wirtschaftspolitik".
Stattdessen fordern wir den an internationalen Standards und Strukturen ausgerichteten Aus- und Umbau der volkswirtschaftlichen Fakultäten, um so deutschen Universitäten eine führende Stellung in der internationalen Forschung in voller Breite und mit hoher Qualität zu ermöglichen.
Dort, wo dieser Aus- und Umbau bereits begonnen wurde, ist er verstärkt fortzusetzen und sowohl von der Wissenschaftspolitik als auch den Universitätsverwaltungen zu unterstützen.
Eine deutliche Mehrheit der Teilgebiete moderner Volkswirtschaftslehre ist angewandte Wissenschaft, in denen es sowohl um die theoretische als auch die empirische Analyse volkswirtschaftlicher Fragen und deren wirtschaftspolitische Implikationen geht. Spezialisten der Theorie oder der Ökonometrie sind dabei ebenso willkommen wie Wissenschaftler, die beides miteinander kombinieren.
Die Trennlinie liegt hier nicht zwischen Theorie einerseits und Politik andererseits, sondern zwischen den Schwerpunkten der jeweiligen konkreten Themen. Aus diesem Grund haben internationale Spitzenfakultäten meistens etwa drei Viertel ihrer Professuren mit angewandten Fächern wie Mikroökonomik, Makroökonomik, Arbeitsmarktökonomik, Entwicklungsökonomik, Außenwirtschaftsökonomik, Industrieökonomik, der experimentellen Wirtschaftsforschung oder der Finanzwissenschaft besetzt.
Die wissenschaftlich basierte Analyse und Kenntnis der Anreizwirkungen wirtschaftspolitischer Instrumente und Institutionen - wie in dem am 5. Mai veröffentlichten Aufruf gefordert - spielen dabei eine wichtige Rolle.
Der bei weitem größte Anteil der Arbeiten in internationalen Spitzenjournalen wie dem "American Economic Review", "Econometrica", dem "Journal of Political Economy", dem "Quarterly Journal of Economics" oder dem "Review of Economic Studies" sind angewandter oder empirischer Natur. Wirtschaftspolitik und die Lehre davon sind dabei konsequent integrierte Bestandteile des wirtschaftswissenschaftlichen Forschungs- und Ausbildungsprogramms. Auf diese Weise werden Einsichten in die Wirtschaftspolitik methodisch, theoretisch und empirisch sauber fundiert und die Schlussfolgerungen für andere nachprüfbar und nachvollziehbar.
Die wirtschaftspolitische Beratung befindet sich in den USA zunehmend wieder in den Händen akademischer Spitzenökonomen, die zuvor bahnbrechende Beiträge für unsere Wissenschaft geleistet haben. Ben Bernanke, Lawrence Summers, Christina Romer oder Olivier Blanchard beispielsweise haben als Wissenschaftler modelltheoretisch-quantitative Untersuchungen zur Wirtschaftspolitik in führenden Journalen veröffentlicht und sind nun zentrale Entscheidungsträger der amerikanischen und internationalen Wirtschaftspolitik.
Vergleichbar führende Vertreter unseres Faches findet man dagegen in der Bundesregierung kaum. Daraus den Schluss zu ziehen, dass die herkömmliche Trennung von Wirtschaftspolitik und Wirtschaftstheorie in Deutschland zu einer Vorreiterrolle bezüglich einer zentralen Rolle der Volkswirtschaftslehre zur Lösung praktischer wirtschaftspolitischer Probleme geführt hat, halten wir für verfehlt. Die Volkswirtschaftslehre ist eine aktive, sich entwickelnde Wissenschaft.
Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise wirft neue Herausforderungen auf. Aufbauend auf den führenden Einsichten der Wissenschaft sucht die gegenwärtige Forschung nach einem tieferen Verständnis des Zusammenspiels von Finanz-, Banken- und Realsektor und der Auswirkungen entsprechender wirtschaftspolitischer Instrumente - auch um so die praktische Wirtschaftspolitik und die Öffentlichkeit auf wissenschaftlich solider Basis noch besser informieren und beraten zu können.
Gute Theorie und gute Empirie werden hierbei eine wichtige Rolle spielen, alte Dogmen dagegen nicht. Die volkswirtschaftliche Forschung in Deutschland sollte von den entsprechenden wissenschaftspolitischen Entscheidungsträgern in den Stand versetzt werden, hier international maßgebende Beiträge zu leisten.
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