Handelsblatt, 01.10.2007, Nr. 189, S. 6
Das Münchner Ifo-Institut hat von heute an einen neuen Konjunkturchef: Kai Carstensen. Der Ökonom, der vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) kommt, leitet künftig den neu gegründeten Bereich „Konjunktur und Befragungen“. Carstensen ist durch die Zusammenlegung der beiden Kerngebiete des traditionsreichen Institutes auch verantwortlich für die viel beachtete Umfrage unter Unternehmern, den monatlichen Ifo-Index. „Ich möchte vor allem die Integration der Konjunkturforschung voran treiben“, sagt Carstensen dem Handelsblatt. Die Umfrageergebnisse seien „ein großer Schatz, den es so in Deutschland nicht noch einmal gibt“.
Die Konjunkturbeobachtung sei „das Markenzeichen des Ifo-Instituts“, sagt Präsident Hans-Werner Sinn. Durch eine engere Verzahnung von Prognosen und Umfragen wolle das Institut noch besser werden. „Mit Kai Carstensen haben wir den richtigen Mann für diese Aufgabe gefunden“, sagt Sinn. Er verbinde in idealer Weise praktische Erfahrungen mit profunden theoretischen Kenntnissen als Forscher. Carstensen folgt auf Klaus Abberger, zuletzt Leiter des Bereichs Befragungen, und Gebhard Flaig, zuletzt Konjunkturchef.
Mit der Bereichsleitung am Ifo-Institut ist für Carstensen die Übernahme eines Lehrstuhls an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München für Makroökonomie und Konjunkturforschung verbunden. „Einen Lehrstuhl zu übernehmen und parallel schwerpunktmäßig am Institut praxisnah zu arbeiten ist ein großer Pluspunkt, der mich gereizt hat“, sagt Carstensen, der in Kiel seine Habilitation kürzlich eingereicht hat und heute die Berufungsurkunde der LMU erhält.
Mit dem 36-Jährigen tritt nicht nur ein junger Wissenschaftler einen leitenden Posten in München an. Carstensen zählt auch zu den forschungsstärksten Ökonomen seiner Generation. Im Handelsblatt-Ranking liegt der Experte für Geld und Ökonometrie bei den unter 40-Jährigen auf Platz 55. Auch die Forschungsleistung seiner Münchener Mitarbeiter will er künftig stärken. Das Oberziel sei, bei der nächsten Evaluierung durch die Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz „sehr gut“ dazustehen. Sie verlangt eine referierte Publikation pro Kopf und Jahr.
Der gebürtige Flensburger Carstensen verdankt der Kieler Schule und „speziell“ seinem Doktorvater Gerd Hansen vor allem eines, wie er sagt: „Die Erkenntnis, dass Theorie und Methodik kein Selbstzweck sind, sondern das Forschung das Ziel haben muss, reale Probleme zu lösen.“ Genau dieses Ziel wolle er künftig auch in München und bei der Erstellung der Gemeinschaftsdiagnose verfolgen.
Das halbjährliche Gutachten im Auftrag der Bundesregierung wird diesen Herbst erstmals nach einer offenen Ausschreibung von einer neuen Gruppe erstellt. Für das Ifo-Institut wird Carstensens Vorgänger Flaig die Federführung übernehmen. Sein Nachfolger wird ihn begleiten und ab dem Frühling das Ifo-Institut vertreten.
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