Handelsblatt, 29.05.2006, Nr. 102, S. 9
Die Universität Konstanz liegt am Rande: der Stadt, des Bodensees, Deutschlands. Der Weg zu dem verschachtelten Gebäude auf dem Gießberg führt durch den Mainau-Wald. Ruhig ist es hier. Der Blick reicht hinunter zum Bodensee, bei gutem Wetter bis zu den Alpen. Idylle pur.
Auf den ersten Blick fristet die Volkswirtschaftslehre dort oben ein Schattendasein. Gerade einmal 700 der 10 000 Studenten der Universität sind für das Fach eingeschrieben. Und mit nur sechs Lehrstühlen ist auch der Lehr- und Forschungsapparat alles andere als üppig ausgestattet. Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - spielen die Volkswirte aus Konstanz m Deutschland in der wissenschaftlichen Liga oben mit.
Ein europäisches Fakultätsranking sieht die Konstanzer Ökonomen in Deutschland auf dem sechsten Platz - nur die großen und renommierten Fakultäten Bonn, Mannheim, München sowie die beiden Berliner Unis bekommen bessere Noten. Traditionsreiche Unis wie Köln, Hamburg oder Freiburg dagegen hängen die Konstanzer Wirtschaftswissenschaftler ab - auch in anderen Ranglisten.
Kein Wunder, dass die Konstanzer Volkswirte selbstbewusst auftreten. „Unsere geringe Größe ist kein Nachteil", sagt Sektionsleiter Friedrich Breyer, der einer der führenden Gesundheitsökonomen ist. „Wir bilden hier eher Forscher aus, weniger Allround-Ökonomen für die freie Wirtschaft." Das, so Breyer, ist auch einer der Gründe, warum Betriebswirtschaftslehre (BWL) nicht als eigenes Fach angeboten wird, sondern nur als Teil des VWL-Studiums.
Was allerdings keineswegs heißt, dass sich die Wirtschaftswissenschaftler aus Konstanz im akademischen Elfenbeinturm verstecken. Gerade Breyer macht mit seinen pointierten Vorschlägen zur Reform des deutschen Gesundheitssystems immer wieder bundesweite Schlagzeilen. „Wir dürfen uns nicht vor der Entscheidung drücken, wie viel Sozialprodukt wir ausgeben möchten, um unser Leben zu verlängern", sagte Breyer zum Beispiel. Besondere Furore machte seine Forderung, die Leistung der gesetzlichen Krankenkassen sollte gesetzlich rationiert werden - teure Operationen sollten nur noch bis zu einer Altersgrenze bezahlt werden. Über 100 Drohbriefe gingen bei Breyer ein. Seiner wissenschaftlichen Reputation tat das aber keinen Abbruch. Als der Verein für Socialpolitik 2005 das Thema Gesundheitsökonomie zum Hauptthema seiner Jahrestagung machte, beauftragte er den Professor aus Konstanz mit der Organisation.
Um mit ihrem knappen Personal möglichst effektiv forschen zu können, legen die Konstanzer großen Wert auf Kooperation. Auch die fünf BWL-Professoren der Uni sind daher stark auf modellorientierte Forschung und Lehre ausgerichtet. Zudem sind die Konstanzer Wissenschaftler gut vernetzt. Drei von ihnen sind im CESifo-Forschungsnetzwerk aktiv, zwei im Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit und zwei weitere haben eine Forschungsprofessur im Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Auch das hauseigene „Center of Finance and Econometrics" kooperiert eng mit Forschern anderer Unis.
Denn: „Wenn eine Forschungsgruppe einen Antrag auf Fördermittel stellen will, muss sie mindestens sechs oder sieben Wissenschaftler umfassen", betont Breyer. „Dafür sind wir hier allein einfach zu klein."
Früher als viele andere Ökonomie- Fakultäten in Deutschland hat Konstanz die Doktoranden-Ausbildung professionalisiert. Im „Doctoral Programme in Quantitative Economics and Finance" durchlaufen zurzeit 25 Diplomanden aus ganz Europa ein dreijähriges Programm, an dessen Ende die fertige Doktorarbeit stehen soll. Nach angelsächsischem Vorbild setzen sie sich am Anfang mit wissenschaftlichen Grundlagenmodellen auseinander und spezialisieren sich erst später - anders als in Deutschland üblich. Im Programm hören die Studenten Vorlesungen von verschiedenen Professoren und bekommen ein breites methodisches Wissen. „Zwischen dem Studium und der Doktorarbeit klafft in Deutschland eine Lücke", betont BWL-Professor Winfried Pohlmeier, einer der Initiatoren des Programms. „Die Doktoranden müssen vor allem lernen, aktuelle Forschungsergebnisse zu nutzen." Anders als in Deutschland üblich.
Auch das Doktorandenprogramm kooperiert mit anderen Universitäten: Die Teilnehmer können Kurse in St. Gallen oder in Zürich belegen und auf das Programm anrechnen lassen. Die geographische Lage von Konstanz erleichtere eine solche Zusammenarbeit, sagt Fachbereichssprecher Ursprung: „Wenn Sie in Berlin von der Humboldt-Uni zur FU fahren, brauchen Sie fast genauso lang wie wir nach Zürich."
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