Handelsblatt, 30.06.-02.07.2006, Nr. 124, S. 7
MÜNCHEN. Im kommenden Jahr muss es durch die Mehrwertsteuererhöhung nicht zwangsläufig zu einem Konjunktureinbruch kommen. Diese von anderen Wirtschaftsforschungsinstituten abweichende Einschätzung hat das Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung gestern auf seiner 57. Jahrestagung in München bekräftigt. Es hält an seiner Wachstumsprognose fest, wonach das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland 2007 mit 1,7 Prozent fast genauso stark steigen wird wie im laufenden Jahr mit 1,8 Prozent.
Im gemeinsamen Frühjahrsgutachten der Forschungsinstitute, das Ende April veröffentlicht worden war, hatte Ifo seine Voraussage für das nächste Jahr bereits als abweichendes Minderheitenvotum kundgetan. Die Mehrheit der Institute erwartet dann eine Abflachung des BIP-Anstiegs von 1,8 auf 1,2 Prozent. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) ist nur für das laufende Jahr optimistischer - es rechnet mit 2,1 Prozent Wachstum.
Gestärkt in seiner Auffassung sieht sich das Ifo-Institut nicht nur durch das im Juni weiter gestiegene Geschäftsklima der gewerblichen Wirtschaft in Deutschland, sondern auch durch die positive Entwicklung beim Klima für Weltwirtschaft und Europa - nach einem kleinen Zwischentief im vergangenen Jahr. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn erwartet, dass sich die Wirtschaftslage in der Europäischen Union in den nächsten Monaten weiter verbessert. Für die Euro-Zone prognostiziert das Ifo in diesem Jahr 2,2 Prozent und für 2007 2,1 Prozent Wachstum. Die Mehrheit der Institute ist pessimistischer und erwartet 2007 eine Abkühlung auf 1,8 Prozent. Dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, empfahl Sinn, diese Phase zu Zinserhöhungen zu nutzen, allein damit man „in schlechten Zeiten Pulver zum Verschießen" habe - in Form von konjunkturfördernden Zinssenkungen.
Ein Grund für den Optimismus des Ifo-Instituts ist die hohe Konjunkturdynamik in der Weltwirtschaft. Sie wird nach Einschätzung der Forscher bis 2007 anhalten und sich nur wenig beruhigen. Die Expansion gewinne dank Japan und Europa an Breite. Angesichts der hohen weltweiten BIP-Steigerungen seit 2004 von rund fünf Prozent sprach Sinn von „phantastischen Werten" - einen solchen Boom gebe es selten, nur alle Vierteljahrhunderte mal.
Der deutschen Wirtschaft wird der weltweite Aufschwung insbesondere über den Export zugute kommen. Das Ifo schätzt, dass der Außenhandel auch in diesem und im nächsten Jahr einen recht hohen Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten wird. Allerdings wies Sinn ausdrücklich daraufhin, dass das Investitionsniveau in der deutschen Wirtschaft im internationalen Vergleich noch viel zu niedrig sei.
Beim privaten Konsum gehen die Münchener im Gegensatz zur Mehrheit der Institute davon aus, dass dieser trotz Mehrwertsteuererhöhung auch 2007 nicht sinken wird. Die Steuererhöhung sei wegen der hohen staatlichen Defizite von vielen seit längerem erwartet worden, was den Konsum bereits gedrückt habe.
ari
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