Handelsblatt Nr. 036 vom 20.02.06 Seite 9 Dorit Hess, Olaf Storbeck
Die Herren Professoren haben allesamt ambitionierte Ziele: Dennis Snower will das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) zu einer der "international ersten Adressen der ökonomischen Forschung" machen. Klaus Zimmermann möchte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in ein "pulsierendes Forschungszentrum" verwandeln, "das auch in Brüssel und Washington Gehör findet". Ulrich Blum hat sich vorgenommen, dass das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) für ausländische Institute zu einem "Ansprechpartner auf gleicher Augenhöhe" werden soll.
Wie weit sind die Denkfabriken von ihren Zielen entfernt? Wie steht es derzeit tatsächlich um ihre Qualität? Martin Steininger und Bernd Süßmuth, zwei Ökonomen von der TU München, haben dies in einer Exklusivstudie für das Handelsblatt untersucht. Dafür haben sie die Publikationsleistung der Institute in wichtigen ökonomischen Fachzeitschriften von 1997 bis 2005 analysiert.
Die Untersuchung zeigt: Seit 1997 hat sich die Anzahl der in renommierten Fachzeitschriften veröffentlichten Beiträge mehr als verdoppelt. Noch Ende der neunziger Jahre erreichten nur ganz wenige Institute das für die Präsenz in Fachzeitschriften notwendige wissenschaftliche Niveau. Zwischen 1997 und 1999 stammte gut jede zweite Veröffentlichung eines Instituts aus dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) oder dem IfW. "Dieses Duopol ist Vergangenheit", sagt Steininger. Inzwischen ist der gemeinsame Marktanteil vom IfW und ZEW auf 36 Prozent geschrumpft - obwohl der absolute Forschungsoutput beider Institute jeweils um gut 70 Prozent gestiegen ist. "Kiel und Mannheim sind nicht schlechter geworden - andere Institute sind besser geworden", betont Steininger.
Ifo-Institut auf der Überholspur
Sie mussten besser werden. Denn seit knapp zehn Jahren fordern die öffentlichen Geldgeber eine höhere wissenschaftliche Qualität und lassen die Arbeit regelmäßig durch unabhängige Gutachter überprüfen. Institute, die nicht die Gnade der Evaluatoren finden, sind akut in ihrer Existenz bedroht.
So war das Ifo-Institut Anfang 1998 nur knapp seiner Schließung entgangen und musste einen rigorosen Sparkurs fahren. Der ein Jahr darauf angetretene Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn strich innerhalb von fünf Jahren mehr als die Hälfte aller wissenschaftlichen Stellen. Umso beachtlicher ist die Entwicklung des Forschungsoutputs des Instituts: Er ist innerhalb von neun Jahren um mehr als 400 Prozent gestiegen. Diese Zahl bezieht sich nur auf Arbeiten hauptamtlicher Ifo-Mitarbeiter - Beiträge von Mitgliedern des Forschungsnetzwerks CES-Ifo, die nicht am Institut angestellt sind, wurden gesondert erfasst. Der Marktanteil der Münchener hat sich auf 19 Prozent mehr als verdoppelt. Damit hat das Ifo-Institut das IfW vom zweiten Platz verdrängt und liegt nur knapp hinter dem ZEW. "Wir wollen ganz an die Spitze", sagt Sinn. "Gute wirtschaftspolitische Beratung verlangt gute Forschung, und Beratung ohne Forschung steht auf wackligen Beinen."
Ebenfalls auf der Überholspur befindet sich das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Die 1998 gegründete Forschungsstätte, die von DIW-Chef Klaus Zimmermann geführt und von der Deutschen Post finanziert wird, erreicht einen Marktanteil von neun Prozent. Damit veröffentlichen die IZA-Mitarbeiter fast so viel wie die Forscher von HWWA, IWH und RWI zusammen.
Zwischen den Instituten gibt es zudem erhebliche Unterschiede beim Pro-Kopf-Output der Forscher: Besonders produktiv sind erstaunlicherweise die Ökonomen einer Denkfabrik, die kein reines wirtschaftswissenschaftliches Forschungsinstitut ist - des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Jeder WZB-Volkswirt bringt derzeit im Schnitt pro Jahr 1,2 Seiten in Fachzeitschriften unter. "Wir prüfen bei jedem Forschungsprojekt, ob es wissenschaftlich ergiebig ist, und suchen uns die Themen heraus, bei denen wir Pionierarbeit leisten können", sagt Kai Konrad, Chef der WZB-Abteilung "Marktprozesse und Steuerung".
WZB-Forscher sind sehr produktiv
Überdurchschnittlich produktiv sind auch die IZA-Ökonomen: Sie bringen es pro Jahr auf 0,9 Seiten. Alle anderen schaffen dagegen durch die Bank deutlich weniger. Das IfW, ZEW und das Ifo-Institut kommen auf 0,4 Seiten pro Wissenschaftler und Jahr.
Weniger ruhmreich ist die Bilanz für das DIW: Das größte Institut bringt pro Wissenschaftler und Jahr nur 0,2 Seiten in den Fachzeitschriften unter. Auch die Leibniz-Gemeinschaft (WGL) hatte 2005 die Publikationsleistung des DIW als zu gering kritisiert, aber trotzdem für die weitere Förderung des Instituts durch Bund und Länder plädiert. "Wir müssen unsere Pro-Kopf-Publikationsleistung in Zukunft erhöhen", sagt DIW-Chef Zimmermann. "Aber die Zahlen dieser Studie kann ich nicht nachvollziehen, unsere eigenen Auswertungen ergeben ein anderes Bild."
Dass die Publikationsleistung für das Abschneiden bei der WGL-Evaluierung nicht unbedingt entscheidend ist, zeigt auch das Beispiel HWWA, dem die WGL 2003 ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hatte. Die Studie zeigt jedoch: Pro Wissenschaftler erreichte das HWWA einen höheren Forschungsoutput als das DIW oder das RWI, die beide von den Gutachtern bessere Noten erhielten. Das HWWA dagegen bekommt nach dem schlechten WGL-Urteil keine Mittel aus der Bund-Länder-Förderung mehr. Es hat sich in HWWI umbenannt und hält sich mit privatem Geld über Wasser.
Das RWI und das IWH sind die einzigen Institute, die ihre Publikationsleistung in den vergangenen neun Jahren nicht nennenswert gesteigert haben. In beiden Häusern fand der Generationswechsel in der Institutsleitung deutlich später statt. Laut IWH-Chef Blum bildet zudem die Zeitschriftenauswahl der Studie die Arbeitsschwerpunkte seines Hauses nur unzureichend ab. "Ich bin mit der wissenschaftlichen Leistung des IWH zufrieden", betont er. "Wir müssen uns nicht hinter den anderen deutschen Instituten verstecken."
Praktiker warnen zudem davor, die Institute nur noch an ihrer Publikationsleistung zu messen: "Die Institute bilden eine Brücke zwischen der Wissenschaft und der Politik", betont Karl-Heinz Paqué (FDP), ehemaliger Ökonomieprofessor und heute Finanzminister in Sachsen-Anhalt. "Der Forschungsoutput eines Instituts pro Kopf kann daher nicht so hoch sein wie der einer Hochschule."
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Die Leibniz-Gemeinschaft (WGL) legt bei der Evaluierung der Wirtschaftsforschungsinstitute großen Wert darauf, dass Forschungsergebnisse in angesehenen Fachzeitschriften publiziert werden. Warum?
Die Institute sind in erster Linie Forschungseinrichtungen - das bedeutet: Sie bekommen von Bund und Ländern Geld für ihre Forschung. Gefordert wird dafür wissenschaftliche Exzellenz - und dafür sind die Veröffentlichungen in angesehenen Fachzeitschriften ein wichtiger Indikator.
Kritiker monieren, diese Art der Evaluierung führe dazu, dass die Arbeit der Institute immer praxisferner werde, worunter die Politikberatung leide.
Wer so argumentiert, übersieht, dass die Wirtschaftsforschungsinstitute, die der WGL angehören, nicht im Auftrag der einzelnen Ministerien arbeiten - sie sind eben keine Ressortforschungseinrichtungen. Ihre primäre Aufgabe ist die Forschung und auf dieser Grundlage auch Service - deshalb sollten wir sie auch daran messen.
Warum ist dann das HWWA, das pro Wissenschaftler eine bessere Forschungsleistung hat als das DIW oder das RWI, bei der Evaluierung durchgefallen?
Die konkreten Ergebnisse Ihrer Studie kann ich nicht kommentieren, da ich diese nicht kenne. Allgemein gilt bei uns für die Evaluierung: Die Publikationsleistung der Institute ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Indikator für die Beurteilung der Arbeit eines Instituts. Wir schauen uns zum Beispiel auch die Präsenz und Vortragstätigkeit auf Fachtagungen an und berücksichtigen noch eine Reihe weiterer Punkte.
Warum gibt es für die Beurteilung der Forschungsleistung der Institute durch die WGL keinen einheitlichen Bewertungskatalog?
Die Einengung auf ein für alle Wirtschaftsforschungsinstitute einheitliches und starres Bewertungsschema der Fachzeitschriften im Sinne einer geschlossenen Liste wäre problematisch. Uns liegt an der Offenheit der Evaluierung, wir wollen kein mechanistisches Verfahren. Deshalb ist es wichtig, dass die Fach-Communities ihre eigenen Schwerpunkte für die Bewertung festlegen und dass die Evaluatoren die Möglichkeit haben, individuell auf die Besonderheiten der einzelnen Institute einzugehen. Daher sind auch die Begehung des Instituts durch die Evaluierungskommission und die Diskussion mit den Forschern vor Ort so wichtig.
Aus den Instituten hört man immer wieder, dass man sich dort mehr Klarheit bei der Evaluierung wünschen würde.
Ich weiß nicht, mit wem sie gesprochen haben und in welchem Zusammenhang solche Äußerungen fallen. Die Definition eines einheitlichen Katalogs wäre problematisch, weil die Institute unterschiedliche Schwerpunkte haben.
Wie viele Wirtschaftsforschungsinstitute braucht das Land?
Diese Frage stellen wir uns so nicht. Uns interessiert, ob die vorhandenen Institute ihren Auftrag erfüllen. Ob das fünf, sieben oder neun Institute sind, spielt für die WGL keine Rolle. Wir haben keine Liste, auf der steht: Wir brauchen ein Institut mit dem Schwerpunkt Arbeitsmarkt, eines mit dem Fokus Außenwirtschaft und eines für Demographie. Die Institute sind für ihren jeweiligen Schwerpunkt verantwortlich.
Für die Studie "Publish or Perish? - Die Publikationsaktivität deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute: 1997 bis 2005" haben die Münchener Ökonomen Martin Steininger und Bernd Süßmuth ausgewertet, wie viele Artikel Mitarbeiter der Institute in 42 ökonomischen Fachzeitschriften veröffentlichten. Zur fairen Bewertung der Arbeit wurden mehrere Faktoren berücksichtigt: die wissenschaftliche Qualität der einzelnen Fachzeitschrift, die Länge des Aufsatzes und die Zahl der Co-Autoren.
Die Auswahl und die Bewertung der Zeitschriften gehen auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2001 zurück, bei der mehr als 2200 Mitglieder des Vereins für Socialpolitik eine Reihe volkswirtschaftlicher Fachzeitschriften bewerteten. Gefragt wurde nach der Relevanz der jeweiligen Zeitschrift für die eigene Arbeit sowie nach der allgemeinen Reputation des Journals. Steininger und Süßmuth haben für ihre Untersuchung zu den Instituten all die Zeitschriften berücksichtigt, die in einer der beiden Kategorien zu den Top 30 gehörten.
Den Gewichtungsfaktor für die Qualität einer Zeitschrift ermittelten sie aus dem arithmetischen Mittel der Ränge der Zeitschriften in den beiden Kategorien "Bedeutung für die eigene Arbeit" und "Reputation". Am stärksten wiegt eine Veröffentlichung im "American Economic Review" (AER). Jede dort veröffentlichte Seite bewerten Steininger und Süßmuth mit dem Faktor 0,775. Dagegen wird eine Seite, die im "Wirtschaftsdienst" veröffentlicht wurde, nur mit dem Faktor 0,085 bewertet. Ein Rechenbeispiel: Ein 15-Seiten-Aufsatz im AER erhält die "qualitätsgewichtete Seitenzahl" von 11,625 (15 x 0,775). 15 Seiten im "Wirtschaftsdienst" bekommen die "qualitätsgewichtete Seitenzahl" von 1,275 (15 x 0,085). Bei mehreren Autoren wird die Punktzahl unter ihnen aufgeteilt.
Für die Erhebung der Daten über die publizierten Artikel haben Steininger und Süßmuth aus methodischen Gründen keine elektronische Datenbank zur Hilfe genommen, sondern für sämtliche 42 Zeitschriften jeden Jahrgang per Hand ausgewertet. Die Ergebnisse wurden zur Kontrolle mit den eigenen Angaben der Institute verglichen.
Bei der Auswertung haben sie zwischen Institutsmitarbeitern und Fellows unterschieden. Publikationen von Fellows wurden nicht den Instituten zugerechnet. Ob ein Autor als Mitarbeiter gezählt wurde, richtete sich nach seinen Angaben in der Publikation. Für die Errechnung des Pro-Kopf-Outputs wurde die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter in Vollzeitäquivalenten verwendet.
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