Handelsblatt, 24./25./26. Februar 2006, Nr. 40, S. 31
ULF SOMMER | DÜSSELDORF
Die Realität überholt die Prognosen. Deshalb heben die Banken rei- henweise ihre Kursziele für den Deutschen Aktienindex (Dax) an. Doch ausgerechnet der in luftige Höhen schwebende Ifo-Index droht die Rally an den Börsen zu beenden. Das zeigen historische Erfahrungen mit dem viel beachteten Index. Auch gestern konnte der Dax vom überraschend gestiegenen Ifo-Index nicht profitieren.
Auf 104,8 Punkte stieg gestern die Erwartungskomponente des Ifo-Index. Damit ist die Zuversicht in die deutsche Wirtschaft so hoch wie seit Oktober 1994 nicht mehr. Werte von über 102 gibt es nur sel- ten: zuletzt im Juni 1994, im Januar 2000 und im Dezember 2003.
Zwar wird ein Anstieg der Erwar- tungshaltung in solche Höhen regelmäßig von einem dynamisch steigenden Dax begleitet. Das Börsenbarometer notierte Mitte 1994 gegenüber dem Vorjahr 19 Prozent im Plus, und Anfang 2000 waren es sogar 39 Prozent. Aktuell beträgt das Zwölfmonatsplus 35 Prozent.
Doch ganz anders sieht es nach Berechnungen der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) jeweils in dem Jahr aus, nachdem der Ifo-Index so stark zulegte. In allen Fällen trat der Dax zwölf Monate lang mehr oder weniger auf der Stelle. Die Rally mündete jedes Mal in eine Seitwärtsbewegung. „Die positiven Impulse vom Ifo-Index für die Börse werden in den kommenden Quartalen abnehmen", ist sich LRP-Stratege Andreas Hürkamp deshalb sicher.
Zwar misst das Ifo die Erwartungshaltung und ist damit auf die Zukunft gerichtet. Doch die Börse versucht, noch weiter nach vorn zu blicken. Und da kann es mit dem Ifo-Index mittelfristig eigentlich nur abwärts gehen, selbst wenn im nächsten Monat noch einmal ein höherer Wert zu Buche schlägt. „Für den Aktienmarkt ist es viel versprechender wenn der Ifo-Index auf einem Mehrjahrestief angelangt ist. Dann stimmen die Perspektiven, weil es anschließend wieder aufwärts geht. Das jetzige Hoch ist alles andere als gut für die Börsen", sagt Hürkamp.
Günstige Frühindikatoren dürften die Märkte also kaum noch weiter nach oben treiben. Deshalb sieht Hürkamp auch keine Veranlassung, angesichts der Kursrally in den vergangenen Monaten sein Jahresendziel für den Dax nach oben anzupassen. Die LRP belässt es bei 6 000 Punkten. Davon ist der Dax noch 2,5 Prozent entfernt.
Das beurteilen andere Analysten anders. „Beim Konjunkturverlauf und bei den Unternehmensgewinnen sehen wir den Höhepunkt möglicher positiver Nachrichten noch nicht erreicht", sagt Carsten Klude von M.M. Warburg. Die Hamburger Privatbank hob gerade ihr Dax-Kursziel von 5850 auf 6 300 Punkte an. Gründe sind die hohen Unternehmensgewinne und die niedrige Bewertung. „Das Hauptargument für weitere Kursgewinne des Dax bleibt die günstige Bewertung im Vergleich zu den USA und anderen europäischen Börsen", sagt auch Christian Kah- ler von der DZ-Bank.
Neben M.M. Warburg schraubten die Deutsche Bank und die DZ Bank ihr Jahresendziel auf 6100 Punkte hoch. Gestern erhöhte die BayernLB ihre Prognose von 5 850 auf ebenfalls 6100 Zähler. Noch vor zwei Monaten hatten 37 vom Handelsblatt befragte Banken durchschnittlich mit 5717 Punkten gerechnet. Aktuell sind es fast 150 Punkte mehr.
Dass der Dax bereits acht Wochen nach Jahresbeginn höher notiert, muss nicht viel heißen. Schon häufig entfachten Januar und Februar als traditionell starke Börsenmonate nur ein Strohfeuer. Zuletzt im Jahr 2000 - auch da bei einem sehr hohen Ifo-Index. Damals notierte der Dax Ende Februar bei fast 8000 Punkten. Zum Jahresende waren es 20 Prozent weniger.
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