Financial Times Deutschland, 30.03.2009, Nr. 61, S. 9
Deutsche Unternehmen wollen ihr Personal in den kommenden Monaten drastisch reduzieren. Das geht aus einer Umfrage bei 7000 Firmen der gewerblichen Wirtschaft hervor, die das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung monatlich erstellt. Das aus der Umfrage ermittelte Ifo-Beschäftigungsbarometer, das der FTD exklusiv vorliegt, sank im März mit 92,2 Punkten auf den tiefsten Stand seit September 2003. Damals hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder die Reformagenda 2010 auf den Weg gebracht. „Insbesondere Industrieunternehmen wollen die Zahl der Mitarbeiter vermehrt reduzieren“, berichtete das Institut.
Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl zeichnet sich eine neue Jobkrise ab: Volkswirte halten Arbeitslosenzahlen von über vier Millionen bis Ende des Jahres und über fünf Millionen bis Ende kommenden Jahres für möglich. Bislang hatte die Kurzarbeit erste Spuren der Weltrezession am Arbeitsmarkt noch verdeckt. Je deutlicher sich abzeichnet, dass die Weltwirtschaftskrise von Dauer ist, desto eher werden Unternehmen von der Kurzarbeit zu echten Entlassungen übergehen.
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) will morgen neue Zahlen für den März vorlegen. Erstmals seit Jahren werde der nach dem Winter übliche Frühjahrsaufschwung ausbleiben, sagten Bankvolkswirte voraus.
Dem Beschäftigungsbarometer zufolge habe sich die Tendenz zum Personalabbau „sichtlich verstärkt“, so das Ifo-Institut. Ihren Personalbestand bewerteten die Industrieunternehmen „vermehrt als zu groß“. Die Auftragseingänge in der Industrie vor allem aus dem Ausland befinden sich seit November im freien Fall. Besonders die Vorleistungs- und die Investitionsgüterhersteller griffen daher bereits „sehr stark“ auf Kurzarbeit zurück „und wollen es in den nächsten Monaten noch intensiver nutzen“.
Im Großhandel hätten sich die Perspektiven ebenfalls „merklich verschlechtert“. Auch im Bauhauptgewerbe seien die Unternehmen trotz der von der Bundesregierung beschlossenen Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur zurückhaltender bei ihren Personalplanungen für die kommenden drei Monate.
Nur im Einzelhandel hätten sich die Beschäftigungsaussichten im März geringfügig verbessert. Das deutsche Konsumklima hatte sich in den letzten Monaten noch als stabil erwiesen. Der Konsumklimaindex der Münchner Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) war zuletzt nur um 0,1 auf 2,4 Punkte gesunken, teilte die GfK letzte Woche mit. Die Bürger gewannen durch leichte Tarifsteigerungen, vor allem aber infolge deutlicher Preisrückgänge, weiter an Kaufkraft. Im März sank die deutsche Inflationsrate auf 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bis zum Sommer dürfte sie auf null zurückgehen.
Die Zahl der Kurzarbeiter werde bis Ende Mai auf etwa eine Million steigen, schätzte die Commerzbank. Da deren Arbeitszeit im Schnitt um 40 Prozent verringert ist, wären ohne Kurzarbeit bis zu 400 000 mehr Menschen arbeitslos. „Die Kurzarbeit wird nur bis Mitte des Jahres tragen. Dann wirken sich die Einbrüche bei den Investitionen am Arbeitsmarkt aus“, warnte Eckart Tuchtfeld von der Commerzbank.
Von Birgit Marschall, Berlin
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