Financial Times Deutschland, 29.08.2007, Nr. 167, S.14
Angesichts einer nur leichten Eintrübung des Ifo-Geschäftsklimas gehen Ökonomen davon aus, dass sich die wirtschaftliche Erholung in Deutschland fortsetzt. „Es ist noch zu früh, den Aufschwung für beendet zu erklären", sagte Lothar Hessler, Volkswirt bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Ähnlich äußerte sich Sebastian Wanke von der Deka-Bank. Zwar zeige ein dritter Rückgang in Folge „bei einem Stimmungsindikator normalerweise eine Trendwende an". Ein Ende des Aufschwungs zeichne sich jedoch nicht ab, da die Wirtschaftslage von den Unternehmen so gut eingeschätzt werde wie zu Zeiten der Wiedervereinigung, sagte Wanke.
Die Anfang August ausgebrochene Finanzkrise hatte in den vergangenen Tagen Sorgen verstärkt, die Stimmung in der Wirtschaft könnte deutlich gedämpft werden. Ökonomen hatten nach dem Einbruch der Konjunkturerwartungen von Finanzmarktexperten auch für den Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts mit einem starken Rückgang gerechnet.
Doch der blieb aus: Wie das Ifo- Institut gestern mitteilte, sank der Geschäftsklimaindex leicht um 0,6 auf 105,8 Punkte. Die Münchner Forscher befragen jeden Monat gut 7000 Unternehmen in Deutschland zu ihrer aktuellen Lage und ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate. Daraus ermitteln die Experten das Geschäftsklima. „Verglichen mit früheren Finanzunruhen ist das Geschäftsklima auf einem außerordentlich hohen Niveau", sagte Hessler. Der Rückgang von 0,6 Punkten sei nicht außergewöhnlich.
Während der Russlandkrise und der folgenden Schieflage des Hedge-Fonds LTCM war der Index im August 1998 zunächst um 1,1 Punkte gesunken. Insgesamt fiel er damals bis Oktober insgesamt um mehr als vier Punkte. Um 4,6 Punkte brach der Ifo-Index nach dem 11. September 2001 ein. In beiden Krisen sank der Index unter den langfristigen Durchschnitt von 96,2 Zählern. Von diesem Wert sei der Index derzeit noch deutlich entfernt, gibt Elga Bartsch, Europaökonomin von Morgan Stanley, als Grund für ihre positive Einschätzung an.
Jörg Lüschow von der WestLB bereitet derzeit die Gewinnsituation der deutschen Unternehmen deutlich positiver als während der Finanzkrise 1998. Damals hatte die Finanzkrise sich nur begrenzt auf die reale Wirtschaft ausgewirkt. So ging zwar die Industrieproduktion von August 1998 bis Februar 1999 insgesamt um 3,5 Prozent zurück, danach setzte sich der Aufschwung in den Unternehmen jedoch rasch wieder fort. Bis zum Höhepunkt des Konjunkturzyklus im April 2001 stieg die Produktion dann noch um fast elf Prozent.
Das Platzen der New-Economy- Blase ab 2001 wiederum ließ sich bereits Monate vorher in den Gewinnen der Unternehmen ablesen, wie die Ökonomen der Societe Generale für die USA herausfanden. „Die robuste Gewinnsituation der Unternehmen ist ein wichtiger Faktor, um die derzeitige Finanzkrise abzumildern", sagt Stephen Gallagher von der Societe Generale. Seit Anfang der 80er-Jahre seien Finanzkrisen immer dann vergleichsweise glimpflich verlaufen, wenn die Gewinne ordentlich ausfielen, schreibt der Ökonom.
Auf eine ähnlich begrenzte Wirkung setzen Ökonomen auch bei der jetzigen Krise. So trübten sich die Geschäftserwartungen zwar um 1,4 Punkte ein, wie das Ifo-Institut mitteilte. Ihre Lage schätzten die Unternehmen aber sogar besser ein als noch vor einem Monat. Der Teilindex stieg um 0,2 Punkte. „Besonders kleinere und mittlere Firmen fürchten um künftige Kredite", sagte Andreas Rees von Unicredit. Dagegen hätten die hohen Auftragsbestände die Lageeinschätzung verbessert.
So zeigt sich die chemische Industrie in Deutschland so euphorisch wie schon lange nicht mehr. Nach Angaben des Branchenverbandes VCI ist derzeit ein Ende des stärksten Aufschwungs seit Jahren in Deutschlands fünftgrößtem Industriezweig kaum in Sicht. Der Sektor registriert im vierten Wachstumsjahr nun auch eine Trendwende bei der Beschäftigung. „Die robuste Industriekonjunktur in Deutschland und ganz Europa gibt unserem Geschäft weiterhin starke Impulse", sagte VCI-Präsident und Bayer-Chef Werner Wenning.
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