Financial Times Deutschland, 29.08.2007, Nr. 167, S. 9
Das Geschäftsklima hat sich in Deutschland seit Beginn der Finanzkrise im August nur leicht eingetrübt. Der Ifo-Index fiel um 0,6 auf 105,8 Punkte, wie das Münchner Institut mitteilte. Das Minus ging allein auf die nachlassenden Erwartungen der Unternehmen zurück und nicht auf die tatsächliche Geschäftslage. „Hier dürften auch die Turbulenzen auf den Finanzmärkten eine Rolle gespielt haben", sagte Ifo-Chef Hans- Werner Sinn.
Wie die Lageeinschätzung lägen die Erwartungen aber über dem langjährigen Durchschnitt - dies lasse „auf eine weiterhin robuste konjunkturelle Entwicklung schließen", so Sinn. „Das deutsche Geschäftsklima liegt weiterhin sehr nahe am Rekordniveau von Ende 2006", sagte Timo Klein, Volkswirt beim Beratungsdienst Global Insight. „Der Aufschwung in Deutschland sollte sich auch in den nächsten Monaten fortsetzen", ergänzt Brian Mandt von der Postbank.
Nachdem Anfang August die großen Notenbanken der Welt beginnen mussten, die Finanzmärkte mit zusätzlichen Kreditlinien in Milliardenhöhe zu stützen, hatten Volkswirte vermehrt vor einem Dämpfer für die Konjunktur gewarnt. Die Unruhe auf den Märkten hatte sich ausgeweitet, als mehr und mehr Finanzhäuser in den USA und auch in Deutschland in Schwierigkeiten gerieten. Grund dafür waren Investitionen in Wertpapiere, die mit Hypothekarkrediten schlechter Bonität besichert waren.
Die vom Ifo-Institut befragten 7000 Unternehmen schätzten ihre Lage trotz der Finanzkrise sogar noch besser ein. Der Teilindex stieg um 0,2 Punkte auf 111,5 Punkte. „Die gute Auftragslage hat zu der besseren Lageeinschätzung geführt", sagte Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt bei Unicredit. „Gerade kleinere und mittlere Unternehmen werden sich aber wohl um ihre künftigen Kredite gesorgt haben", sagte Rees mit Blick auf die eingetrübten Erwartungen. Die Unsicherheit auf den Kreditmärkten habe aber bisher nicht auf die Binnenwirtschaft durchgeschlagen, sagte Klein. Zudem hätten die Firmen keine Probleme, sich weiterhin Geld für Investitionen zu leihen. Nach Ansicht von Rees ist eine Kreditklemme für die Unternehmen in den kommenden Monaten auch nicht zu erwarten.
Bei den Wirtschaftszweigen fielen besonders positiv die Einzelhändler auf, wo sich das Geschäftsklima nach drei Monaten des Rückgangs wieder verbesserte. „Dies lässt darauf schließen, dass die Konsumnachfrage auf dem Weg der Besserung ist nach dem schwachen ersten Halbjahr 2007", sagte Klein.
Einen Rückgang verzeichneten dagegen die Baubranche und die Industrie. Im verarbeitenden Gewerbe waren dafür allein die Erwartungen der Unternehmen für die nächsten sechs Monate verantwortlich, die aktuelle Situation sei so positiv bewertet worden wie im Vormonat, hieß es vom Ifo-Institut.
Von einer Rekordnachfrage berichteten gestern auch Vertreter der deutschen Chemieindustrie. Nach Angaben des Branchenverbands VCI ist ein Ende des stärksten Aufschwungs seit vielen Jahren von Deutschlands fünftgrößtem Industriezweig nicht in Sicht. Der Sektor registriert jetzt auch eine Trendwende bei der Beschäftigung. „Alle wichtigen Indikatoren zeigen nach oben", sagte VCI-Präsident und Bayer-Chef Werner Wenning.
Volkswirte dämpften allerdings allzu starken Optimismus. Mit leichter Sorge blicken sie neben den Risiken aus der anhaltenden Finanzkrise auf die gesunkenen Exporterwartungen in der Industrie. Die moderate Verschlechterung im Export ließe sich neben dem erstarkenden Euro auch auf eine leichte Abschwächung der Weltnachfrage zurückführen, sagte Klein. Auch Brian Mandt sieht die Industrie in den nächsten Monaten mit etwas moderaterem Tempo expandieren. Rees sieht mindestens den Höhepunkt des Aufschwungs bereits als überschritten an.
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