Financial Times Deutschland, 29.04.2009, Nr. 81, S. 14
In der deutschen Industrie zeichnet sich ein drastischer Personalabbau ab. Darauf lässt der Frühindikator des Münchner Ifo-Instituts für die Beschäftigung in der gewerblichen Wirtschaft schließen: Das sogenannte Ifo-Beschäftigungsbarometer, das der FTD exklusiv vorliegt, sank im April auf den tiefsten Stand seit Juli 2003. Im Industriebereich fiel der Index sogar auf ein Zehnjahrestief. „Mit zunehmender Dauer der Rezession sehen die Unternehmen von der Kurzarbeit ab und gehen zu echten Stellenkürzungen über“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Abberger.
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) wird morgen die Arbeitslosenzahlen für April bekannt geben. Volkswirte erwarten, dass die Erwerbslosigkeit saisonbereinigt um mehr als 60 000 gestiegen ist. Noch trifft die Rezession den Arbeitsmarkt nicht mit voller Wucht. Das Ifo-Barometer und andere Frühindikatoren signalisieren aber einen beschleunigten Beschäftigungsabbau in den Sommermonaten. Betroffen davon dürften vor allem industrielle Arbeitsplätze sein.
Das Ifo-Barometer ging im April um 1,1 Indexpunkte auf 91,1 Zähler zurück. Der Indikator beruht auf der monatlichen Umfrage des Ifo-Instituts bei etwa 7000 Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, des Bauhauptgewerbes, des Großhandels und des Einzelhandels. Die Unternehmen geben ihre Beschäftigtenplanungen für die nächsten drei Monate bekannt. Dabei geben sie an, ob die Beschäftigtenzahl zunehmen, gleich bleiben oder abnehmen wird. Das Ifo-Institut bildet die Salden aus Zu- und Abnahmen und normiert diese jeweils auf den Durchschnitt des Jahres 2000.
Die Kapazitätsauslastung in der Industrie sei deutlich gesunken, so Abberger. Dies zeige sich ganz besonders bei Investitions- und Vorleistungsgüterherstellern. Konsumgüterproduzenten stünden dagegen noch vergleichsweise gut da, denn die Inlandsnachfrage zeige sich derzeit noch relativ stabil. Verschlechtert hätten sich dennoch auch die Beschäftigungsperspektiven im Einzelhandel. Etwas besser sei die Lage im Großhandel.
Die Beschäftigung am Bau werde durch die Aussicht auf neue staatliche Aufträge etwas stabilisiert. „Hier machen sich die Konjunkturpakete der Regierung positiv bemerkbar“, sagte Abberger.
Nach Einschätzung von BA-Chef Frank-Jürgen Weise wird die Krise erst gegen Jahresende voll auf den Arbeitsmarkt durchschlagen. „Dann dürfte der Puffer der Kurzarbeit aufgezehrt sein“, sagte Weise am Montagabend in Nürnberg. Weise plädierte für die Verlängerung der Kurzarbeit von 18 auf 24 Monate. Die Option auf bis zu zwei Jahre Kurzarbeit gäbe manchen Unternehmen mehr Planungssicherheit. Massenentlassungen müssten heute sehr lange im Voraus bei den örtlichen Arbeitsagenturen angemeldet sein. „Die Möglichkeit, Kurzarbeit auf bis zu 24 Monate auszudehnen, könnte für Unternehmen wichtig sein, um auf Entlassungen zu verzichten.“
Von Birgit Marschall, Berlin
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