Financial Times Deutschland, 27.10.2010, S. 9
Mathias Ohanian, Maike Rademaker und Martin Kaelble, Berlin
Der Aufschwung am deutschen Arbeitsmarkt gewinnt eine ganz neue Dynamik. "Alle großen Branchen stellen jetzt wieder neue Mitarbeiter ein", sagte Klaus Abberger, Konjunkturexperte beim Münchner Ifo-Institut. Galten zuletzt noch die Hersteller von Maschinen und Fahrzeugen als Sorgenkinder der deutschen Wirtschaft, so setzen nun auch sie auf frisches Personal. "Mit den Herstellern von Ausrüstungsgütern dreht der letzte kritische Bereich ins Plus", sagte Abberger.
So stieg im Oktober das exklusiv für die FTD erhobene Ifo-Beschäftigungsbarometer auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 1998. Der Jobmarkt dürfte den privaten Konsum beflügeln, für den gestern ebenfalls Positives vermeldet wurde.
Damit erhält der Höhenflug am deutschen Jobmarkt einen neuen Schub. Bereits der Teilindikator zur Beschäftigung des Einkaufsmanagerindex stieg zuletzt auf den höchsten Wert seit April 2008 und deutet auf einen beschleunigten Jobaufbau hin. Die Kurzarbeit nahm in den vergangenen Monaten drastisch ab. Im Süden Deutschlands herrscht heute bereits nahezu Vollbeschäftigung.
Der Anstieg des Ifo-Beschäftigungsbarometers bekräftigt den beispiellosen Aufschwung am Arbeitsmarkt. Nach einem Plus von 1,8 Zählern liegt der Index mittlerweile bei 107,9 Punkten. "Die Erholung der Wirtschaft ist breit angelegt", sagte Klaus Günter Deutsch, Ökonom bei der Deutschen Bank.
"In einigen Regionen könnte bereits jetzt ein Druck hin zu Lohnsteigerungen bestehen", sagte Roland Döhrn, Konjunkturchef des Essener Forschungsinstituts RWI. Tatsächlich beginnen erste Unternehmen damit, ihre Mitarbeiter am Aufschwung zu beteiligen - so auch Europas größter Autozulieferer Bosch. Unternehmenschef Franz Fehrenbach kündigte gestern an, die für 2011 vorgesehene Lohnerhöhung von 2,7 Prozent um zwei Monate auf den 1. Februar vorzuziehen. Davon profitieren die rund 85 000 Tarifmitarbeiter an den deutschen Standorten.
Morgen wird die Bundesagentur für Arbeit die aktuellen Arbeitsmarktzahlen bekannt geben, die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kommentieren wird. Bereits am vergangenen Wochenende teilte die Ressortchefin mit, dass die unbereinigte Arbeitslosenzahl im Oktober unter die Grenze von drei Millionen sinken wird. "Und zwar nicht zu knapp", wie sie der "Bild am Sonntag" sagte. Die unbereinigte Arbeitslosenzahl lag im September bei rund 3,03 Millionen - ein Rückgang zwischen 50 000 bis 80 000 ist im Oktober üblich. Die Grenze der drei Millionen wurde bereits 2008 im Oktober und November unterschritten, davor war das zuletzt 1992 der Fall.
"Fällt die Arbeitslosenzahl unter diese psychologisch wichtige Schwelle, könnte das zusätzliche stimulierende Effekte für den privaten Verbrauch haben", sagte Rolf Bürkl, Experte bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Mehr Planungssicherheit und weniger Angst vor Jobverlust wären die Folge. "Dann wären die Verbraucher stärker zu größeren Anschaffungen bereit."
Wie die GfK mitteilte, stabilisierte sich das Konsumklima in Deutschland jetzt bei 4,9 Zählern. Demnach gehen die Verbraucher hierzulande nach wie vor von einer konjunkturellen Erholung aus. Bereits zum fünften Mal in Folge legte der Teilindikator zur Konjunkturerwartung zu. Der Index stieg um 2,5 Punkte und weist jetzt 56 Zähler aus.
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