Financial Times Deutschland, 26.08.2010, S. 14
Während die Märkte in Nervosität verfallen, war in Deutschlands Chefetagen im August weiter Partylaune angesagt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, für den monatlich rund 7000 deutsche Unternehmen befragt werden, stieg von 106,2 auf 106,7 Punkte, wie das Münchner Ifo-Institut gestern mitteilte. Das wichtigste Barometer für die deutsche Konjunktur erreichte damit den höchsten Stand seit Juni 2007. Befragt wurden Unternehmen aus Industrie, Groß- und Einzelhandel sowie aus der Bauwirtschaft nach ihren Einschätzungen zur derzeitigen Geschäftslage und zu ihren Zukunftsaussichten für die kommenden sechs Monate.
Grund für den erneuten Stimmungsschub war vor allem eine bessere Lagebeurteilung. Die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate verschlechterten sich dagegen - allerdings nur geringfügig, wie Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn betonte.
Damit steht die Firmenstimmung im harten Kontrast zur Gemütslage der Anleger. Die Begeisterung über die Entwicklung des Geschäftsklimas hielt sich an den Märkten gestern nicht lang. Ähnlich verlief es tags zuvor nach Veröffentlichung der hoffnungsvollen Details zum Bruttoinlandsprodukt des Frühjahrs. Auch das ZEW-Barometer, das Finanzanalysten nach ihrem Ausblick für die kommenden sechs Monate fragt, war Mitte August massiv gesunken. Während die Unternehmer feiern, grassiert unter Anlegern Angst, vor allem vor einem Rückfall der USA in die Rezession - und den negativen Auswirkungen auf andere Länder, darunter auch Deutschland.
Konjunkturexperten sind dagegen gelassener, wenngleich nicht ganz so euphorisch wie die Firmen selbst. "Ein extremer Konjunkturpessimismus an den Märkten erscheint nicht gerechtfertigt", sagte Peter Meister, Volkswirt von der BHF-Bank. Die meisten Volkswirte rechnen mit einer Abschwächung im weiteren Jahresverlauf - und zwar etwas stärker, als der aktuelle Erwartungsindex der Ifo-Umfrage vermuten lässt. Der Grund: Das schwächere Wachstum in anderen Ländern werde nicht spurlos an der deutschen Wirtschaft vorbeigehen, wie Simon Junker, Volkswirt der Commerzbank, sagte. Denn Exporte steuern 46 Prozent zur deutschen Wirtschaftsleistung bei. Einige fürchten, es könnte gar härter kommen, sollte sich die Lage in den USA, China oder der europäischen Peripherie dramatisch verschlechtern.
Statt sich um die ungewisse Zukunft zu sorgen, berauschen sich die Unternehmer derzeit offenbar lieber an der glorreichen Gegenwart. Nicht nur die Ifo-Umfrage belegt die Zufriedenheit. Auch eine Umfrage der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young unter rund 700 deutschen Mittelständlern dokumentiert die ausgelassene Stimmung. Nach der gestern vorgestellten Studie zeigten sich 90 Prozent der Unternehmen mit der aktuellen Geschäftslage zufrieden. Zudem erwarten 43 Prozent der Befragten, dass sich die Geschäfte sogar noch verbessern werden. Bei der letzten Umfrage im Januar waren es noch 38 Prozent.
Für die gute Laune bei den Firmenlenkern dürfte auch der Blick auf die eigene Bilanz sorgen. Die Unternehmensgewinne sprudeln. Sie legten laut Statistischem Bundesamt im zweiten Quartal um 21,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Somit sehen Experten bisher keinen Einbruch der deutschen Wirtschaft am Horizont. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sprach von einem "stabilen Sommerhoch". Die Daten sprechen nach Ansicht von Volkswirten für ein erneut starkes drittes Quartal - wenn auch nicht mehr ganz so stark wie das spektakuläre zweite. Viele Experten rechnen mit einem Zuwachs um die 0,5 Prozent. Trotz Abschwächung werde sich Deutschland aber noch besser schlagen als viele andere westliche Länder, auch die USA, sagte Commerzbank-Experte Junker.
Für die Gelassenheit jenseits der Märkte sorgt nicht zuletzt, dass die Erholung stärker als gedacht auch von Investitionen und nicht ausschließlich vom Außenhandel getragen wird, wie die Details zum Bruttoinlandsprodukt des zweiten Quartals am Dienstag gezeigt hatten. Das dürfte der deutschen Wirtschaft helfen, einen Schock durch wegbrechende Exporte abzumildern.
Schließlich hoffen einige Ökonomen auch auf den Konsum als zusätzlichen Wachstumsimpuls in naher Zukunft. Es mehrten sich jüngst Anzeichen, dass die Kauflust deutscher Verbraucher langsam steigt. "Bis jetzt ist es noch ein zartes Hoffnungspflänzchen - aber wachsende Beschäftigung, weniger Jobsorgen und steigende Löhne dank weniger Kurzarbeit sorgen für ein gutes Konsumklima", sagte Alexander Koch, Volkswirt bei Unicredit. Im zweiten Halbjahr rechnet Unicredit mit einem Konsumplus von 0,25 bis 0,5 Prozent.
Dafür sprach auch die gestrige Ifo-Umfrage: Im Einzelhandel hellte sich das Geschäftsklima so stark auf wie in keiner anderen Branche. "Die Händler berichten von einer besseren Geschäftssituation als im Juli", sagte Ifo-Präsident Sinn. Sogar die Erwartungen für das kommende Halbjahr hellten sich bei den Händlern auf.
Von Martin Kaelble, Berlin
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