Financial Times Deutschland, 25.11.2010, S. 15
Die Diskrepanz zwischen der gefühlten Selbstwahrnehmung als Biergroßmacht der Welt und der Rolle, die deutsche Brauereien im globalen Biermarkt spielen, ist bekannt. Zwar ist Deutschland nach Mexiko und den Niederlanden der drittgrößte Bierexporteur, doch ein Großteil der hiesigen Marken ist in ausländischer Hand. Gestern nun tauchte zufälligerweise der Name einer der letzten verbliebenen Großbrauereien in deutscher Hand im Zusammenhang mit einer weiteren bierseligen globalen Transaktion auf. Der internationale Braukonzern SAB Miller kauft die Cervecería Argentina, welche in Lizenz auch Warsteiner verkauft.
Damit erkauft sich SAB Miller die dritte Position in Argentinien. Nummer zwei ist Heineken mit rund 15 Prozent Marktanteil und Nummer eins ist Anheuser-Busch Inbev (kurz: ABI) mit 70 Prozent. 70 Prozent, ja geht das denn? Im Bierwesen schon. Die Marktanteilszahlen, mit denen hier hantiert wird, kennt man sonst nur aus weißrussischen Wahlergebnissen. In Südamerika kontrolliert SAB Miller Kolumbien, Ecuador, El Salvador, Honduras und Peru mit rund 90 Prozent. ABI hat in Brasilien 70 und in Bolivien und Paraguay über 90 Prozent Marktanteil. Wozu da noch Kartelle gründen? In Mexiko teilen sich zwei Firmen 98 Prozent des Marktes, in den USA vier Firmen 89 Prozent und in Kanada wiederum zwei Firmen 84 Prozent des Marktes. In Afrika und den Schwellenländern sind wiederum Marktanteile von über 90 Prozent für einen einzigen Brauer keine Seltenheit, während in Japan zwei Brauer zwei Drittel des Marktes kontrollieren. Efes in der Türkei beherrscht 86 Prozent des Bieres.
In Europa ist das Bild kaum schöner: In Österreich, Griechenland und Dänemark kontrolliert je eine Marke mindestens die Hälfte vom Markt, während in Portugal, Irland, Belgien, Holland, Frankreich, Polen, der Slowakei und der Schweiz je zwei Firmen mindestens zwei Drittel des Marktes beherrschen. Ein Witz, dass auch diese Brauer regelmäßig über knallharten Wettbewerb und Preiskriege lamentieren. Steht denn die ganze Bierwelt Kopf? Haben denn die Kartellbehörden, so es sie gibt, überall so kläglich versagt? Nein, eine Ausnahme gibt es tatsächlich: Deutschland. Hier kommen die größten drei Anbieter auf nicht mal 20 Prozent Marktanteil. Und der Preis, den die Deutschen für ihre Markenvielfalt zahlen? Dass die heimischen Brauereien keine operative Marge von 15 Prozent wie Heineken oder 22 Prozent wie SAB Miller und schon gar nicht von 30 Prozent wie ABI einfahren. Doch wir zumindest haben sie dafür selig.
Der Ifo in neuen Sphären Der Ifo ist auf den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung gestiegen. Wie kann das sein, wenn die realen Einzelhandelsumsätze inklusive Kfz um gut zehn Prozent unter dem Niveau vom Januar 1991 liegen? Wenn die realen Bauaufträge um die Hälfte niedriger sind als im Januar 1994? Wenn sich die Bestellungen im verarbeitenden Gewerbe noch um 15,3 Prozent unter der Vorkrisenspitze bewegen?
Schon klar, der Ifo reflektiert die Dynamik der Wirtschaft, nicht ihr Niveau. So beläuft sich der Korrelationskoeffizient zwischen dem Klimaindex für das verarbeitende Gewerbe und der Jahresveränderungsrate der Produktion dieses Sektors (gleitender Dreimonatsdurchschnitt) seit 1995 auf 0,83. Es gibt aber noch ein anderes, wenngleich verwandtes Erklärungsmuster: Gewinne gut, Ifo gut. Wählt man als Margenindikator das Verhältnis von Erzeugerpreisen (ohne Energie) und industriellen Lohnstückkosten, dann beträgt der Korrelationskoeffizient zwischen dem Industrie-Ifo und der Jahresveränderungsrate dieser Rentabilitätskennziffer 0,82. Und da die Rentabilität derzeit noch größere Sprünge zum Vorjahr macht als die Produktion, ist die Stimmung so ausgelassen wie kaum je zuvor.
Stellt sich mit Blick auf die krisenhaften Vorgänge in manchen Teilen Europas die Frage, ob der Ifo diesmal stabiler ist als 2007. Dass der Erwartungsindex noch mal gestiegen ist, lässt hoffen, obwohl die Industrieauftragskomponente bröckelt. Aber der Ifo ist eben kein Frühindikator, sondern ein Stimmungsindex. Und Frühindikatoren wie jene der OECD sprechen längst eine andere Sprache.
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