Financial Times Deutschland, 25.09.2008, Nr. 188, S. 16
Für den jüngsten Einbruch des Ifo-Geschäftsklimas ist die Finanzkrise höchstens indirekt verantwortlich. Viel wichtiger ist nach Einschätzung von Volkswirten, dass den Unternehmen die Aufträge selbst aus Ländern wegbrechen, die gar keine Immobilien- oder Bankenkrise haben. Stark negativ wirke zudem, dass seit Jahresbeginn die Investitionen sinken, was Experten auf geänderte Abschreibebedingungen zurückführen.
„All dies hat sogar die zwischenzeitlich positiven Effekte des sinkenden Ölpreises aus den vergangenen Wochen überlagert“, sagte Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft.
Deutsche Politiker hatten die Finanzkrise in den vergangenen Tagen als Grund zitiert, dass nun mit einem Abschwung zu rechnen sei. Die aktuellen Daten sprechen eher dafür, dass im Kern der jahrelange Export- und Investitionsboom der deutschen Industrie jetzt ein abruptes Ende findet.
Von einer befürchteten Kreditklemme sei in Deutschland bislang wenig zu erkennen, diagnostizieren die Ökonomen von Unicredit. Die Banken haben ihre Kreditvergabestandards zuletzt gar gelockert.
Gegen einen starken Einfluss der Finanzkrise auf die derzeitige Geschäftslage sprechen auch die Ifo-Umfragen. Danach hat sich die Geschäftslage bereits vor der Zuspitzung der Finanzkrise stark verschlechtert. Die Geschäftserwartungen fielen dagegen nur leicht. Einen Einbruch registrieren vor allem die Maschinenbauer, die in den vergangenen Jahren den längsten Boom seit den 60er-Jahren erlebt hatten. Schon seit Ende 2007 sinken die Auftragseingänge für die deutsche Industrie. „Grund für den Einbruch beim Ifo-Index ist die insgesamt schlechte Auftragslage“, sagte Andreas Scheuerle von der Dekabank. Ein zweiter Grund sei, dass die Lagebeurteilung übertrieben hoch war. Die Unternehmen waren überoptimistisch und sind es immer noch. Diese Anpassung dürfte also noch andauern.
Beim Verband der Maschinenbauer VDMA beobachtet man eine wenn auch moderate Abschwächung der Geschäftslage. Noch immer seien die Auftragsbücher für gut ein halbes Jahr gefüllt. Aber: „Die Spanne zwischen den Firmen, denen es sehr gut geht, und denen, die den Abschwung zu spüren bekommen, wird größer“, sagte VDMA-Chefvolkswirt Ralf Wiechers.
Unter den Abschwunggründen machen die Experten derweil eine Hierarchie aus:
Exportmärkte Der Konjunktureinbruch bei Deutschlands Hauptabnehmerländern ist der wichtigste Grund für die getrübte Stimmung bei den deutschen Firmen. „Erstmals erwarten deutlich mehr Unternehmen eine Verschlechterung ihrer Exporte als eine Verbesserung“, sagte Gernot Nerb vom Ifo-Institut. Deutschlands wichtigste Ausfuhrländer sind Frankreich, die USA, Großbritannien und Italien – alles Länder, die derzeit unter konjunktureller Abkühlung leiden. Die Autoexporteure leiden unter dem Rückgang der Exporte in die USA. Der Branchenverband VDA geht davon aus, dass statt 16 Millionen Autos wie 2007 in diesem Jahr nur noch 13,9 bis 14,5 Millionen in die USA verkauft werden. „Allgemein beobachten wir derzeit einen Einbruch bei den Aufträgen, vor allem aus den USA“, sagte VDA-Volkswirt Martin Koers. „Vor allem bei den Nutzfahrzeugen gibt es eine Eintrübung. Bis Mitte 2009 sind die Bücher noch gefüllt, aber danach wird es kritisch.“ Ifo-Experte Gernot Nerb sagte: „Beim Fahrzeugbau sinken die Exporterwartungen stark.“
Andere Länder, wo es für deutsche Exporteure schwer ist, sind Spanien und Großbritannien, die unter einem Einbruch der Immobilienmärkte leiden.
Bis in den Sommer hinein hatten die Exporteure noch gehofft, Russland und die Golfstaaten würden die Schwäche noch kompensieren, wenn sie ihre Öl- und Gaserlöse wieder für deutsche Waren ausgeben. Diese Hoffnung könnte sich nun auch als trügerisch erweisen. Nach dem Einbruch der Ölpreise und der zugespitzten Lage im Finanzsektor könnte Russland als Wachstumsmotor ausfallen.
Energiepreise Zuletzt haben die Ölpreise deutlich nachgelassen, trotz des Sprungs in dieser Woche. Das konnte die Einschätzung der deutschen Industrie aber offenbar kaum stützen. „Allerdings haben sich die Einschätzungen der energieintensiven Branchen wie des Transportgewerbes zuletzt wieder leicht verbessert“, sagte Ifo-Experte Nerb. Insgesamt spielen die Energiekosten zurzeit aber eine eher untergeordnete Rolle.
Wechselkurs Dass der Euro-Höhenflug zuletzt gestoppt schien, hätte sich positiv auswirken sollen. „Man hätte hoffen können, dass die verbesserten Konditionen beim Ölpreis und dem Euro-Wechselkurs die Stimmung bei den deutschen Firmen verbessert hätten“, sagte Joachim Scheide. Dennoch ist das Niveau des Euro im Vergleich zum US-Dollar noch immer relativ hoch. So stoßen die Maschinenbauer in den USA zwar auf Nachfrage, hätten allerdings Schwierigkeiten, ihre Preise in Euro zu halten.
Steuerpolitik Nach Analysen von David Milleker, Chefökonom bei Union Investment, haben die steuerlichen Änderungen für Unternehmen zu Jahresbeginn 2008 zum starken Rückgang bei den Investitionen in Deutschland beigetragen. Negativ wirke dabei die Abschaffung der degressiven Abschreibungsregeln, mit der die Senkung der Unternehmenssteuersätze finanziert werden sollte.
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