Financial Times Deutschland, 25.06.2008, Nr. 122, S. 16
Die Volkswirte des Münchner Ifo-Instituts sehen das Ende des derzeitigen Aufschwungs in Deutschland erreicht. Der Abschwung sei „dabei, zu beginnen“, sagte gestern Ifo-Chef Hans-Werner Sinn bei der Vorstellung der neuen Prognose seines Hauses. Die deutsche Wirtschaft drohe nächstes Jahr sogar hinter Länder wie Italien und Frankreich zurückzufallen, so die Ifo-Forscher.
Vor allem drei Faktoren würden die Konjunktur bremsen: „Das Öl, das den Konsum kaputt macht, der (Euro-)Wechselkurs, der den Export kaputt macht, und das Ende der Investitionskonjunktur“, so Sinn.
Behalten die Forscher recht, hätte der Konsum in diesem Aufschwung kaum zum Wachstum beigetragen. In der Vergangenheit hatte der private Verbrauch gerade zum Ende eines Aufschwungs die Rolle einer wichtigen Wachstumsstütze übernommen.
Für 2008 prognostiziert das Münchener Ifo-Institut zwar noch ein Wirtschaftswachstum von 2,4 Prozent. Das gehe aber vor allem auf das starke erste Quartal zurück. Im weiteren Jahresverlauf werde die Dynamik vergleichsweise schwach bleiben, hieß es. Schon im nächsten Jahr werde das Bruttoinlandsprodukt nur um 1,0 Prozent zulegen. So ließen die Investitionen der Unternehmen nach, und der Außenhandel werde weniger Impuls geben. Auch die Finanzkrise hält Sinn für noch nicht ausgestanden: „Alles deutet darauf hin, dass die zweite Welle noch kommt.“
Der Konsum der Deutschen lahme vor allem aufgrund der hohen Ölpreise, sagte der Ifo-Chef. Für 2008 prognostizieren die Ifo-Forscher einen Zuwachs von nur noch 0,5 Prozent. Ursprünglich hatten sie „wegen der guten Beschäftigungsdynamik“ mit einem Plus von 1,5 Prozent gerechnet.
Die Bereitschaft der Verbraucher, größere Käufe zu tätigen, fiel im Juni so gering aus wie seit drei Jahren nicht mehr. Das ging aus den Verbraucherumfragen der GfK-Marktforschung in Nürnberg hervor. Der GfK-Konsumklimaindex brach von 4,7 auf 3,9 Punkte ein. „Die wiederkehrenden Meldungen über neue Rekordwerte bei Benzin und Diesel verstärken die Furcht vor dem Verlust an Kaufkraft“, hieß es bei der GfK. Die Experten befragen monatlich rund 2000 Konsumenten in Deutschland. Seit Oktober liegen die Verbraucherpreise fast jeden Monat ungefähr drei Prozent über dem Vorjahresniveau – deutlich über dem Ziel der Europäischen Zentralbank von etwas weniger als zwei Prozent.
Die hohe Inflation wirke sich auf die Realeinkommen aus, sagte Sinn. Im ersten Quartal verdiente in Deutschland ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer in der Industrie oder in einem Dienstleistungsunternehmen im Schnitt 2,8 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Die jährliche Inflationsrate lag jedoch in den ersten drei Monaten bei 2,9 Prozent. Die Experten vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) erwarten auch für das Gesamtjahr 2008 keine Reallohnsteigerungen mehr.
Seit Monaten spüren die Einzelhändler die Zurückhaltung der Verbraucher. Im ersten Quartal des Jahres machte der private Konsum noch nicht einmal das Minus von 0,8 Prozent von Ende des vergangenen Jahres wieder wett. Das Plus lag von Januar bis März im Vergleich zum Vorquartal lediglich bei mageren 0,3 Prozent. Auch zu Beginn des Frühjahrs setzte sich der schwache Trend fort. Die Einzelhändler verkauften im April 0,6 Prozent weniger als im Vormonat.
Für 2009 ist keine Besserung in Sicht. Der Ölpreis werde für einen schwachen Konsum sorgen, sagte Sinn. Die Schwäche komme auch daher, weil die Verbraucher nach wie vor viel sparen. Die Sparquote wird nach der Ifo-Prognose weiterhin hoch bleiben oder noch steigen. Machte die Sparquote bereits Anfang 2007 einen kräftigen Sprung auf 10,8 Prozent, lag sie im vergangenen Winter sogar bei 11,2 Prozent. Experten führen dies nicht zuletzt auf die Unsicherheit durch die Finanzkrise, erhöhte Ausgaben für die Altersvorsorge und eine stärkere Umverteilung zu höheren Einkommen zurück.
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