Financial Times Deutschland, 22.05.2008, Nr. 98, S. 14
Trotz starkem Euro und steigenden Ölpreisen blicken deutsche Unternehmenschefs derzeit relativ gelassen in die Zukunft. Der Ifo-Geschäftsklimaindex verbesserte sich von 102,4 Zählern im April auf 103,5 Punkte im Mai, wie die Münchner Forscher gestern mitteilten. Der Indikator machte damit knapp die Hälfte des starken Rückgangs vom Vormonat wieder wett, als er um zweieinhalb Punkte eingebrochen war. Dazu trugen allerdings auch statistische Effekte bei.
Die bessere Stimmung in den Firmen wird nach Einschätzung von Ökonomen den moderaten Abwärtstrend der Wirtschaft im Frühjahr aber nicht stoppen. „Eine weiche Landung der Wirtschaft ist wahrscheinlich“, meinte Matthias Rubisch von der Commerzbank. Die Konjunkturdelle werde nicht ausfallen, sagte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank voraus.
Schon nach dem starken Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent im ersten Quartal hatten Volkswirte befürchtet, dass es zu einem Rückprall im Frühjahr kommt. Die trübere Ifo-Index-Stimmung vom April verstärkte Sorgen, dass der hohe Euro-Kurs, das teure Öl sowie die Schwäche der US-Wirtschaft Wachstumseinbußen auch in Deutschland verursachen werden.
Teilweise sei die Stimmungsaufhellung im Mai mit dem frühen Ostertermin erklärbar, sagte Scheuerle. Da die Feiertage im vergangenen Jahr in den April und diesmal in den März fielen, seien besonders die Einzelhändler im Vorjahresvergleich von heftigen Umsatzrückgängen betroffen gewesen. „Im Mai hat sich die Beurteilung wieder normalisiert.“
Ökonomen erwarten nun, dass sich die moderate Erholung des Konsums in den kommenden Monaten fortsetzt. Vergangene Woche hatten die Statistiker von Destatis berichtet, dass der private Konsum im ersten Quartal wieder zum Wachstum beigetragen hatte. Auch bei den Großhändlern lief es der Ifo-Umfrage zufolge besser.
Genau wie die Handelsunternehmen holten die Industriefirmen aber nur einen Teil der Verluste vom Vormonat im Mai wieder auf. Sie blickten etwas zuversichtlicher auf die nächsten sechs Monate und schätzen auch die aktuelle Lage besser ein als noch im April. „Für die Industrie war der Mai ein Wonnemonat“, sagte Scheuerle. Produktion und Auftragslage hätten sich wohl „dramatisch“ verbessert.
Dies scheine aber nur eine Momentaufnahme zu sein, warnte der Experte zugleich. Seit Monaten bekommen die Industrieunternehmen immer weniger Aufträge. „Die Unternehmen blicken derzeit weder euphorisch noch besonders pessimistisch in Zukunft“, sagte Rubisch.
Nach wie vor bewerten die Firmen ihre Exportaussichten unter dem Strich als positiv. Allerdings verzeichnete dieser Teilindikator im Mai einen Rückgang zum April. „Seit ihrem Rekordhoch im November 2006 verschlechtern sich die Exportaussichten im Trend“, sagte Holger Schmieding, Europa-Chefökonom der Bank of America. Der starke Euro und die Schwäche der US-Wirtschaft forderten ihren Tribut. Bislang sei dies durch die starke Nachfrage aus Schwellenländern in Osteuropa oder Asien ausgeglichen worden. Und derzeit dürften viele Unternehmen noch die Aufwertung auf Kosten ihrer Gewinnmargen im Exportgeschäft auffangen, sagte Scheuerle.
Besonders im Frühjahr dürften die Deutschen die Stärke der Gemeinschaftswährung gespürt haben. „Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen auf dem Weltmarkt hat sich im zweiten Quartal dramatisch verschlechtert“, sagte Scheuerle. Offenbar liefen zunehmend Wechselkurssicherungsgeschäfte der Firmen aus.
Ein deutlich schwächeres Wachstum im zweiten Quartal gilt unter Ökonomen als ausgemacht. Nach dem milden Winter dürften die Baufirmen derzeit ihre Aktivitäten zurückfahren, weil sie zuvor viele Aufträge vorgezogen hatten. Wie gestern bekannt wurde, erzielten die Bauunternehmen im ersten Quartal ein gewaltiges Umsatzplus von 18,7 Prozent zum Vorquartal. In der Folge dürften die Erlöse im Frühjahr wieder heftig sinken. Das Geschäftsklima in der Baubranche verschlechterte sich im Mai leicht auf einem schon zuvor sehr niedrigen Niveau.
Unklar ist bislang, wie stark die Industrie im ersten Vierteljahr auf Lager produzierte und damit das Wachstum künstlich aufblähte. Wenn die Lagerbestände aufgestockt wurden, wird sich das zeitverzögert in der Wachstumsrate negativ bemerkbar machen.
Nächste Woche veröffentlichen die Destatis-Fachleute die Details zum Wachstum zum Jahresbeginn. „Erst danach können wir genauer beurteilen, wie stark die Abschwächung im Frühjahr ausfällt“, sagte Scheuerle. Auch nach den Ifo-Zahlen bleibt er bei seiner Vorhersage, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal sinken wird.
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: