Financial Times Deutschland, 21.04.2008, Nr. 77, S. 16
Führende Ökonomen Deutschlands haben den stärkeren Jobaufbau infolge der Ausweitung des Niedriglohnsektors begrüßt. „Der jetzige Aufschwung hat die registrierte Arbeitslosigkeit innerhalb von gut drei Jahren um fast zwei Millionen reduziert“, sagte Michael Hüther, Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. Erstmals sei auch die Langzeitarbeitslosigkeit vermindert und der Sockel der Arbeitslosigkeit abgebaut worden.
Der Niedriglohnsektor macht mittlerweile gut ein Fünftel der Beschäftigung aus. Erste Anzeichen sprechen dafür, dass die Firmen nach einem drastischen Anstieg zur Mitte des Jahrzehnts das Potenzial an Billigjobs in diesem Aufschwung bereits weitgehend ausgeschöpft haben.
In dieser Zeit hätten mehr Menschen einen Job gefunden, die nur gering qualifiziert seien, sagte Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Ihnen zahle der Markt nur einen geringen Stundenlohn, der auch bei großem Arbeitseinsatz nicht zunehme. „Die Zahl der Menschen ist gestiegen, die nur so Arbeit gefunden haben.“ Diese könnte anders sein, wenn die Anstrengungen im Bildungssektor erfolgreicher wären.
Die Experten sehen die Ausweitung des Niedriglohnsektors auch als Folge internationaler Veränderungen. „Diese Entwicklung kann im internationalen Vergleich eher als Normalisierung gedeutet werden“, sagte Hüther. Die Globalisierung habe vor allem das Angebot an einfach qualifizierter Arbeit überproportional erhöht. „Dabei ist wichtig, dass die Niedrigeinkommensquote in Deutschland zwar gestiegen ist, wie in allen EU-Ländern, aber nicht über dem Durchschnitt liegt.“
Nach Auffassung von Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo- Instituts, ist die Gefahr eines erhöhten Armutsrisikos in Deutschland nicht so groß wie in den USA. Der entscheidende Unterschied liege darin, dass in Deutschland niemand unter dem sozioökonomischen Existenzminimum leben muss, weil er ja Anspruch auf ergänzendes Arbeitslosengeld II hat, sagte er. „In Deutschland wird praktisch niemand unter der Schwelle liegen, bei der in Amerika Armut definiert ist.“
Auf die negativen Folgen machte dagegen Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung aufmerksam. Er sieht die Gefahr, dass die Gesellschaft weiter auseinanderdriftet. „Für die politische Stabilität ist das eher nachteilig“, sagte Bofinger. Außerdem habe der ausgeweitete Niedriglohnsektor dazu geführt, dass der private Verbrauch nicht anspringe, obwohl die Beschäftigung steige.
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